Das T-Shirt für 2,50 Euro, die Jeans für weniger als zehn Euro. Der vorzeitliche Jäger- und Sammlerinstinkt macht sich heute bei der Jagd nach Schnäppchen und dem Sammeln von Sonderangeboten noch immer bemerkbar. Der moderne Verbraucher ist sowohl qualitäts- als auch preisbewusst. Was er bei Aldi und Lidl mit billigen Lebensmitteln und selektiv verscherbelten Non-Food-Artikeln spart, gibt er andernorts für Bio-Gemüse und Marken-Klamotten wieder aus.
Seit den neunziger Jahren gehört zum neuen Qualitätsbewusstsein auch die punktuelle Solidarität mit den Leidtragenden der Globalisierung. "Fair" gehandelte Produkte anständig entlohnter Kleinbauern und Textilarbeiterinnen dürfen schon mal zehn Prozent teurer sein als normale Produkte. Initiativen aus dem christlichen und linken Lager kooperieren zunehmend mit Gewerkschaftern in ihrem Engagement für den ausgebeuteten Süden. Der Begriff "Saubere Kleidung" aus der Waschmittel-Werbung findet in der Entwicklungspolitik eine neue Deutung.
Jetzt klagen Verbraucher- und Menschenrechtsgruppen gemeinsam gegen den Discounter Lidl wegen der Zustände bei dessen Textil-Lieferanten. Das Problem ist nicht neu, dafür aber die Gegenstrategie: Verbraucherschützer pochen nicht einfach auf "gut und billig", sondern packen Importeur und Händler am eigenen Anspruch, weltweit die Menschenrechte zu achten. Sie bedienen sich dabei des deutschen Wettbewerbsrechts, das offensichtlich irreführende Werbung verbietet.
Ist das nun schon der Abschied von der Geiz-ist-Geil-Mentalität? Vermutlich nicht, denn die Verkäuferin bei Lidl beispielsweise oder ihre Friseurin können es sich bei den von den Arbeitgebern gezahlten Minilöhnen eben kaum leisten, nicht "geizig" zu sein.
Seit den sechziger Jahren wird der Vormarsch der Discounter durch Dumpingpreise getragen, die wiederum auf rigorosen Kürzungen der Personalkosten, der Löhne also basieren. Inzwischen stößt bei einem Niveau der Arbeitskosten von gerade noch fünf bis zehn Prozent der Verkaufserlöse diese Strategie allerdings an ihre Untergrenzen. Sie treibt die Betroffenen in die Arme von Hartz IV. Die Eigentümer der Billig-Ketten tummeln sich derweil im Spitzenfeld der reichsten Deutschen.
Die Zustände in den armen Ländern rücken mehr und mehr in den Mittelpunkt von Verbraucher- und Arbeitnehmerschutz. Das führt zu verstärkter Selbstkontrolle der Importeure, die auf eine gute Selbstdarstellung Wert legen müssen. Der Kunde soll kein schlechtes Gewissen beim Kauf seines Billig-T-Shirts haben, obwohl die niedrigen Einstandspreise der mächtigen Einkäufer aus Deutschland doch nur den flinken Händen der Weberinnen von Dhaka zu verdanken sind.
Die neunziger Jahre waren auch die Zeit, in der die Ansprüche an die "Eine Welt" formuliert und akzeptiert wurden. Auf der internationalen Bühne entstanden Leitlinien mit Universalanspruch wie etwa die neun Prinzipien des Global Compact des ehemaligen UN-Generalsekretärs Kofi Annan. Die Internationale Arbeitsorganisation bekannte sich 1998 grundsätzlich zu diesen Kernnormen: keine Kinder- und Zwangsarbeit, Freiheit für gewerkschaftliche Betätigung, Verbot der Diskriminierung von Frauen oder Minderheiten. Dies führte dazu, dass sich vor allem Konsumgüter-Multis und ihre Verbände um freiwillige Verhaltenskodizes bemühten, wie etwa der deutsche Einzelhandel mit seinem Normenkatalog von 1999.
Es bleibt das Problem, dass die Multis immer weniger vor Ort selbst produzieren, sich stattdessen aus dem System der Unter- und Unter-Unter-Lieferanten billig beliefern lassen. Wenn dann Firmen - wie vor kurzem Metro und aktuell Lidl sowie Kik - mit den Folgen des Systems konfrontiert werden, booten sie die von ihnen abhängigen, aber offenbar unbelehrbaren Lieferanten aus. Das jedoch kostet Jobs.
Als Konsequenz bleibt nur eine Politik der kleinen Schritte, etwa Positivbeispiele zu Maßstäben erklären oder den Dialog der Manager mit den Menschenrechtlern intensivieren. Der Verbraucher, dessen Motivlage widersprüchlich ist, braucht ausreichend Informationen. Nur so kann er rational entscheiden, ob Geiz oder Solidarität beim Kauf den Ausschlag geben. Die Informationen zu besorgen und zu verbreiten ist Aufgabe der Medien, der Gewerkschaften und der mittlerweile global vernetzten Zivilgesellschaft.

Damir Fras ist unser US-Korrespondent
Olivia Schoeller berichtete zuvor aus Washington
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