Manchmal wird auch in Russland gröbster Unfug verzapft. "Obama hat eine Fliege getötet", schreibt Alexander Prochanow, Chefredakteur der nationalistischen Zeitung Sawtra zum Besuch des US-Präsidenten in Moskau, "aus persönlicher Antipathie oder rassistischer Intoleranz." Danach sei die Welt eine andere geworden, und Russland, befreit von so teuren Bürden wie Armee und Raketen, ohne Landwirtschaft, ohne Kosmos, ohne Straßenbau, werde jetzt zur Avantgarde der Nanotechnologie und des Digitalfernsehens.
Diese Faselei stammt immerhin von einem Vordenker der neuen russischen Rechten. Prochanow predigt auch in Fernsehshows die Wiederauferstehung des Imperiums. Er faselt von den Gefahren, die Russland drohen, wenn der "Fliegentöter" kommt. Denn so gering Russlands Antiwestler US-Präsidenten schätzen, erst recht schwarze US-Präsidenten, so sehr fürchten sie, dass ihr Vaterland im Umgang mit ihnen reingelegt, entwaffnet, ausgeraubt, verwestlicht, mit anderen Worten verwüstet wird.
Auch das prowestliche Russland müht sich um ein Verhältnis zu Obama. Hat der nicht seine jüngere Tochter Natasha getauft, auf den Kosenamen Natalja Gontscharowas, der Gattin Alexander Puschkins? Und ruft er sie im Alltag nicht Sasha, mit dem Kosenamen Puschkins, wieder zu Ehren des russischen Nationaldichters? Der habe ja schließlich auch einen äthiopischen Großvater gehabt. Und Obamas Eltern hätten sich beim gemeinsamen Russischstudium auf Hawaii kennengelernt. Kommt da endlich ein Amerikaner, der Puschkin anbetet, der Russlands wahre Größe zu erahnen in der Lage ist?
Den Russen ging es gestern und vorgestern im Umgang mit Obama vor allem um Größe. Den Gutwilligen um die Größe des Moments, um die eigene Größe, den Böswilligen um die mangelnde Größe des Fliegen mordenden Staatschefs.
Da schenkte Dmitri Medwedew Obama Kopien eines privaten Briefwechsels zwischen Zar Alexander II. und Abraham Lincoln und philosophierte mit etwas zu lauter Stimme darüber, dass die russisch-amerikanischen Beziehungen nicht den Anforderungen der gegenwärtigen Epoche entsprächen. Es waren Gesten und Sätzen voller Pathos. Offenkundig ist für Medwedew politische Selbstverwirklichung in ihrer höchster Form ebenso eine Frage des Protokolls, wie es dies für seine Vorgänger war.
Es schien weder den jungen Kremlherren noch seine politische Entourage zu stören, dass der von allen Seiten beschworene Neuanfang des beiderseitigen Verhältnisses zwar viele gemeinsam unterschriebene Erklärungen hervorbrachte, aber kaum etwas Essenzielles. Die erwartete Absichtserklärung zur Fortführung der Start-Nachfolgeverhandlungen wirkte schwammig. Bezeichnend, dass die Zahlen der künftig erlaubten Atomsprengköpfe (1500 bis 1675) und ihrer Träger (500 bis 1000) in dem Dokument je nach amerikanischer und russischer Auslegung schwanken. Bezeichnend, dass russische Diplomaten hinterher die banale Floskel, strategische Angriffs- und Abwehrwaffen hätten etwas miteinander zu tun, als Verhandlungserfolg feierten. Und bezeichnend, dass konkrete Beschlüsse, wie etwa die Öffnung des russischen Luftkorridors auch für US-Truppentransporte nach Afghanistan, eher den Amerikanern nützen.
Selbst Wladimir Putin, Hoffnungsträger der vaterländischen Imperialisten, lächelte herzlich. Zum Arbeitsfrühstück, bei dem der Premier und sein Gast sich eigentlich über leidige wirtschaftliche Themen hätten unterhalten sollen, heizte Putin seinem Gast außerdem mit einem russischen Volksmusikorchester ein. Eine deftige, aber nicht unbedingt adäquate Form der Gastfreundschaft.
Statt auf ein langfristiges Konzept setzt die russische Außenpolitik nach wie vor stets auf die Person des jeweils neuen US-Präsidenten. Im Alltag fuchtelt man gern mit dem Pappsäbel, pflegt altbewährte Feindbilder, unterstellt den USA, sie wollten Russland weiter einkreisen, unterwerfen, zerstückeln. Aber man geht in jedes neue Gipfeltreffen mit dem festen Glauben, charmant und klug genug zu sein, um den Partner endlich Hochachtung und sogar Sympathie für Russland einzuflößen. Und nur zu gern präsentieren sich Russlands Politiker zu solchen Gelegenheiten als Geschichte schreibende Staatsmänner. Aber auch wenn sie jetzt wirklich die erste Seite eines neuen Kapitels aufgeschlagen haben, so ist diese noch weitgehend leer.

Damir Fras ist unser US-Korrespondent
Olivia Schoeller berichtete zuvor aus Washington
Daniel Haufler ist Redakteur im Ressort Meinung
Countdown für Obama - das Weblog zur US-Wahl
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