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Leitartikel: Der Islam und die Feindbilder

Die Debatte in Deutschland begünstigt extremes Denken. Sie weist Schuld und Unschuld an den Konflikten in der Gesellschaft allzu holzschnittartig zu. Von Stephan Hebel

Stephan Hebel ist Mitglied der Chefredaktion der Frankfurter Rundschau.
Stephan Hebel ist Mitglied der Chefredaktion der Frankfurter Rundschau.
Foto: FR

Zwei Morde, zwei Mörder. Mutmaßliche Mörder, muss es heißen, denn beide sind längst nicht verurteilt, auch wenn sie ihre Taten öffentlich begangen beziehungsweise sofort zugegeben haben. Deutscher und Islamhasser der eine, aus Afghanistan stammend und korangläubig der andere. Gegensätzlicher geht es nicht? Irrtum! Es wäre einiges gewonnen, wenn wir zur Kenntnis nähmen, wie ähnlich sich die beiden Täter sind.

Der eine hat am 1. Juli in Dresden die Ägypterin Marwa el-Sherbini erstochen, die er zuvor als "Schlampe" und "Terroristin" beleidigte. Warum? Sie trug ein Kopftuch. Bis zum Äußersten exekutierte er den auch unter Nicht-Mördern verbreiteten Hass auf ein Klischee, das mit der Wirklichkeit wenig zu tun hat: das Klischee vom Islam, der kollektiv seine Frauen hinter Kopftüchern versteckt, während die Männer sich zu Terroristen ausbilden lassen.

Der andere hat am vergangenen Sonntag seine "rechtmäßige" Frau getötet, weil sie - mit ihm zwangsverheiratet, wie es heißt - offenbar einen anderen Mann liebte. Soweit bisher bekannt, gab der Täter nach seiner Festnahme an, er habe auf diese Tat ein Recht gehabt, das aus dem Koran hervorgehe. Er hat genau dem Klischee entsprochen. Er hat genau das getan, was Leute wie der Mörder von Dresden den Muslimen pauschal unterstellen.

Was also sollen die beiden gemeinsam haben? Bestätigt nicht der eine die Sorge, es grassiere Islamfeindlichkeit in der deutschen Gesellschaft? Gibt nicht der andere im Gegenteil denjenigen auf furchtbare Weise recht, die im Islam größere Gefahren für Frieden und Zivilisation sehen als in seinen Gegnern?

Natürlich, so sieht es aus. Aber auf den zweiten Blick fällt etwas anderes auf: Gerade in den extremsten Auswüchsen, wie sie die Mordtaten darstellen, und in den Reaktionen zeigt sich die dumme Einseitigkeit, mit der die Islam-Debatte bei uns meistens geführt wird.

Als Marwa el-Sherbini zu Grabe getragen wurde, stellten zunächst ägyptische Muslime etwas pauschal die Frage, warum sich in Deutschland kaum jemand aufrege über die Tat, warum Medien und Regierung kaum Notiz davon nahmen. Der Reflex blieb nicht aus: Wie bitte? Entschuldigen? Unsere Regierung? Nehmen wir die Schwäbische Zeitung aus Leutkirch als Stimme der weniger intelligenten Stammtische Deutschlands: "Die Bundesregierung hätte anmerken können, dass hierzulande auch die sogenannten Ehrenmörder nach rechtsstaatlichen Prinzipien behandelt werden, und sie hätte den Wunsch äußern können, dass in islamischen Ländern Verbrecher, die christliche Mitbürger verfolgen und töten, nach denselben Maßstäben behandelt werden."

Das heißt, noch einmal zugespitzt: Beklagt ihr euch über unsere Mörder, dann hauen wir euch eure um die Ohren. Leider wird die Islam-Debatte auch dort, wo es intellektuell etwas anspruchsvoller zugeht, nicht klüger geführt. Muslime vor Pauschalverurteilungen schützen? Ha!, sagen die einen, schaut euch gefälligst die Zwangsehen und "Ehrenmorde" an! Wie bitte?, sagen die anderen, vergesst nicht die Nazis und andere Rassisten und ihre Vorurteile! Als wären die Probleme - natürlich gibt es die einen wie die anderen! - in dieser perversen Arbeitsteilung zu lösen.

Das sind sie nicht, im Gegenteil. Die Wahrnehmungsverweigerung gegenüber der ganzen Wahrheit kann natürlich nicht für Morde verantwortlich gemacht werden. Aber sie begünstigt die Extreme, weil sie selbst auf ihre Art extremistisch ist: Sie verteilt - je nach Standpunkt spiegelverkehrt, aber auf sehr ähnliche Weise - Schuld und Unschuld an den Konflikten unserer Gesellschaft auf eine brandgefährlich vereinfachende Weise.

Die Täter von Dresden und München waren sich so schrecklich ähnlich nicht nur, weil sie beide einer Frau das Lebensrecht absprachen. Sie waren sich ähnlich darin, dass sie die Welt in Freund und Feind sortierten, in "richtige" und "falsche" Lebensweisen, Nationalitäten oder Religionen. Sie hätten sich gegenseitig wahrscheinlich in die jeweils feindliche Welt einsortiert - und wurden beide zu Verbechern, deren Motiv sie eint: der Hass auf alles, was abweicht von ihrer Welt.

Wie gesagt: Man kann eine verfehlte Diskussion nicht mit Morden vergleichen. Aber wenn die Taten dazu anregten, die Islam-Debatte etwas feindbild-ärmer zu führen, dann hätten wir die Chance, den Hass zu mindern, der auch Verbrecher treibt.

Datum:  23 | 7 | 2009
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