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Leitartikel: Der karibische Patient

Haiti, der kranke Staat, ist nicht erst im Januar 2010 zerstört worden. Nach dem Beben aber kann der reiche Teil der Welt dem Land helfen, sich endlich in Freiheit zu entfalten. Von Stephan Hebel

Stephan Hebel ist Textchef der Frankfurter Rundschau.
Stephan Hebel ist Textchef der Frankfurter Rundschau.
Foto: fr

Wir nennen es "Naturkatastrophe", und es ist ja wahr: Nichts Menschliches ist sicher vor der Gewalt eines Erdbebens der Stärke sieben. Die Maschinerie der Katastrophenhilfe läuft an, wir staunen und spenden. Wie hieß noch das Land, um das es dieses Mal geht?

Haiti hieß es. Haiti wird auch dann noch leben, wenn die Leichen beerdigt und die Trümmer beseitigt sind - und wir es längst wieder vergessen haben. Aber wie? Das hängt zum einen von den Menschen dort ab und von denjenigen, die sie mehr schlecht als recht regieren. Zum anderen aber liegt es an uns: an den reichen Ländern, den Spendern, den Hilfsorganisationen, den internationalen Institutionen. Nun wäre Zeit, Haiti vom Modell eines scheiternden Staats zu einem beispielhaften Aufbauprojekt zu machen. Wann, wenn nicht jetzt?

Eine Illusion, gerade jetzt, nach dieser Katastrophe? Vielleicht. Aber es gibt nur eine Alternative: Die Wunden notdürftig zu flicken und dann wieder zuzuschauen, bis der chronisch geschwächte Patient Haiti unter dem nächsten Beben, dem nächsten Tropensturm, der nächsten Weltwirtschaftskrise zusammenbricht.

Haiti ist ja nicht im Januar 2010 zerstört worden. Die Zerstörung fand in der Geschichte gleich mehrfach statt. Der karibische Patient hatte nie die Chance, eine kräftige Konstitution zu entwickeln.

Selbst wenn man das Vernichtungswerk der spanischen Eroberer an der Urbevölkerung ignoriert; selbst wenn man die Versklavung der "importierten" Afrikaner durch die französischen Kolonialherren außer Acht lässt; selbst wenn man "nur" die bisher 206 Jahre und 14 Tage haitianischer Unabhängigkeit betrachtet, findet man genug Stoff für ein geradezu modellhaftes Beispiel nachhaltiger Ausbeutung durch äußere Mächte und interne "Eliten". Das beschränkt sich nicht auf die Korruption der Mächtigen in einer Gesellschaft, die zur Entwicklung einer politischen Kultur nie gefunden hat. Es begann mit den Zahlungen, die das Land seit dem Tag der Unabhängigkeit am 1. Januar 1804 fast ein Jahrhundert lang an die französischen Ausbeuter bezahlen musste, um selbstständig sein zu "dürfen". Und es endet nicht mit dem klassischen Muster der neokolonialen Ökonomie, nach dem Haiti Kaffee oder Mangos exportiert und die eigenen Lebensmittel auf einem Weltmarkt kaufen muss, dessen Preise ihm Produzenten und Spekulanten diktieren.

Überall auf der Welt hätte ein solches Beben Menschenleben gekostet. Aber wie viele sterben im ärmsten Land der westlichen Hemisphäre zusätzlich, weil sie - wie die übergroße Bevölkerungsmehrheit - von einem oder zwei Dollar pro Tag leben müssen und ihnen deshalb jetzt die Widerstandskraft zum Durchhalten fehlt? Wie viele starben in Häusern oder Hütten, die sie sich mangels Alternative an die entwaldeten und instabilen Hänge gezimmert hatten? Ja, es war eine Naturkatastrophe. Wer aber behauptet, ihre Folgen seien ebenso "natürlich" wie die Reibung der Erdplatten, der versündigt sich an der Zukunft.

Es kann sie geben, diese Zukunft. Aus Haiti könnte ein positives Modell werden, trotz allem. Allerdings nur, wenn es bei der ersten Katastrophenhilfe nicht bleibt; wenn die Institutionen und gesellschaftlichen wie ökonomischen Handlungsspielräume der Haitianer, die noch wackliger waren als ihre Häuser, mit ebenso großem Engagement neu errichtet werden. Aufbauen ließe sich dabei auf den ersten Fundamenten, die die Weltgemeinschaft schon vor dem Beben eingezogen hat. UN-Blauhelme sind im Land, um bei der Herstellung einer öffentlichen Ordnung zu helfen. Die Entwicklungshilfe hat gelernt, auf Mindeststandards eines sauberen Regierungshandelns zu achten. Die USA haben begonnen, vom Protektionismus mal zu lassen und haitianischen Produkten ihren Markt zu öffnen.

In Haiti gibt es keine Islamisten, Haiti bedroht weder den Weltfrieden noch die Interessen der reichen Welt. Haitis endgültiges Scheitern würde erst mal "nur" die Haitianer treffen.

Gerade das aber macht Haiti zum Testfall für den reichen Teil der Welt. Was wir in Afghanistan und anderswo so lautstark verkünden, das ließe sich hier vergleichsweise leicht verwirklichen: zu helfen, dass ein Land sich in Freiheit entfalten kann. Es würde viel weniger kosten als das, was der Norden an Ländern wie Haiti seit Jahrhunderten verdient.

Autor:  Stephan Hebel
Datum:  15 | 1 | 2010
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