In Bagdad bebte die Erde. Das im August zerschmetterte Außenministerium ist noch nicht ganz repariert, das Wirtschaftsministerium erst teilweise wieder arbeitsfähig, da verwandelte am Sonntag die nächste Lastwagenbombe das Justizministerium in eine rauchende Ruine. Drei zentrale Säulen der irakischen Bundesregierung plus die Provinzverwaltung von Bagdad wurden in den vergangenen zwei Monaten von Attentätern in Schutt und Asche gelegt. Mehr als 250 Menschen starben, die Verletzten gehen in die tausende.
Angesichts dieses Infernos von Tod und Zerstörung wachsen in den Vereinigten Staaten zu Recht die Sorgen, genauso wie in den europäischen Hauptstädten und bei der Nato. Denn die mörderischen Selbstmordattentate könnten der jungen Post-Saddam-Republik das Rückgrat brechen, noch bevor sie ganz auf die eigenen Beine gekommen ist.
Die Attentäter und ihre Hintermänner wollen die ölreiche Nation in einen religiös-ethnischen Bruderkrieg zurückbomben, sie in Chaos und Zerfall hineintreiben sowie demonstrieren, dass die schiitisch dominierte Regierung unter Premier Nuri al-Maliki unfähig ist, ihre Bürger zu schützen.
Gleichzeitig könnte ihr mörderisches Treiben aber auch dem Weißen Haus seinen militärischen Rückzugsplan durchkreuzen. Nicht nur für al-Maliki, auch für US-Präsident Barack Obama steht viel auf dem Spiel. Schließlich kann die westliche Supermacht, die die Invasion in den Irak vor sechs Jahren an der Spitze einer "Koalition der Willigen" vom Zaun brach, im August 2010 nicht einfach ein Volk zurücklassen, das in Blut und Bürgerkrieg versinkt.
750.000 Mann in Uniform
Können die US-Truppen jedoch nicht wie geplant abrücken, ginge das zu Lasten der gerade neu justierten amerikanischen Prioritäten in der Region. Und die lauten: den Krieg gegen die Taliban in Afghanistan intensivieren, die innere Lage in der Atommacht Pakistan stabilisieren und eine neue Nuklearmacht Iran verhindern.
Doch die irakische Krise wird nicht nur geschürt durch Bomben und Selbstmordattentäter, sondern auch durch das Versagen einheimischer Politiker und die Unfähigkeit der Sicherheitskräfte. Dem Irak stehen 750.000 Mann in Uniform zur Verfügung - als Polizisten und Soldaten. Bei jedem neuen Anschlag stellt sich heraus, dass die Bewacher ihrer Arbeit nur lax und unwillig nachgehen.
Im August waren Kontrollposten im Regierungsviertel bestochen, so dass sie die beiden Lastwagen mit ihren tonnenschweren Todesladungen passieren ließen. Am Sonntag gelangte sogar ein Lastwagen sogar aus dem entfernten Falludschah mit 1000 Kilogramm Sprengstoff direkt bis vor die Haustür der Provinzregierung. Ähnlich trübe sieht es bei der politischen Entschärfung der ethnischen und religiösen Spannungen aus. Auch hier geht nichts voran.
Neues Gesetz will mehr Bürgernähe schaffen
Alle Bevölkerungsgruppen und Regionen haben Rechnungen offen - Kirkuk ist nur das bekannteste Beispiel. Und im Streit um das neue Wahlgesetz haben sich Parlament und Regierung in eine Totalblockade hineinmanövriert. Im Januar 2010 will der Irak erstmals in Eigenregie eine nationale Parlamentswahl organisieren. Das politische Establishment des Landes jedoch ist bislang nicht bereit, durch eine Reform des Wahlsystems der weit verbreiteten Frustration im Volk über seine Volksvertreter Rechnung zu tragen.
In den vergangenen vier Jahren agierten die Abgeordneten in ihrem hoch gesicherten Raumschiff "Grüne Zone" in Bagdad - von den Menschen isoliert und keinem Wahlkreis verpflichtet. Das neue Gesetz will mehr Bürgernähe schaffen, indem es die Macht der Parteigewaltigen beschränkt, die konfessionellen Einheitslisten öffnet und Direktmandate einführt. So könnten künftig Kandidaten verschiedener religiöser oder ethnischer Herkunft in neuen Parteien zusammenfinden und alte Gräben überwinden. Ministerpräsident Nuri al-Maliki befürwortet diese Modernisierung, kann sich aber bisher nicht durchsetzen.
Selbst am Sonntagabend unter dem Schock der jüngsten Riesenexplosionen und per Telefon live von US-Präsident Barack Obama ins Gebet genommen, weigerte sich der "Politische Rat für Nationale Sicherheit", dem alle irakischen Parteichefs angehören, den gordischen Knoten zu durchschlagen. Denn viele Abgeordnete fürchten, unter dem neuen Wahlsystem ihre Mandate zu verlieren. Sie fordern bessere Aussichten für sich selbst. Das sind keine guten Aussichten für den Irak.
Seit Februar 2010 laufen Bauarbeiten am Stuttgarter Bahnhof. Diskussion, Hintergründe, Fotostrecken und mehr im FR-Spezial.
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