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Leitartikel: Der Ruf des Rattenfängers

Liebe Sarrazin-Fans! Der Provokateur will die Probleme in Deutschland nicht lösen. Er wird sie vergessen − bis zum nächsten Buch. Die Politik muss gleichwohl nach Lösungen suchen.

Stephan Hebel ist Textchef der Frankfurter Rundschau.
Stephan Hebel ist Textchef der Frankfurter Rundschau.

Der SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel hat uns in dieser Woche zu einer wichtigen Erkenntnis verholfen: Viele Normalbürger teilen die Empörung über Thilo Sarrazin überhaupt nicht, die sie aus Politik und Medien erreicht. Viele, die sich in Online-Foren äußern, und das nicht nur bei der SPD, sind eher froh, „dass mal einer die Dinge ausspricht“.

Es dürfte sich nicht bei allen, die das tun, um Rassisten oder Rechtsradikale handeln. Auch und gerade wer Sarrazins Propaganda für widerwärtig hält – und zwar mit Recht –, sollte sich dringend fragen, warum sie bei einem Teil des Publikums auf so fruchtbaren Boden fällt.

Die schnellste Antwort wäre diejenige, die Sarrazin und Gesinnungsgenossen selbst geben würden: Mangelnde Integrationsbereitschaft von Muslimen, innerfamiliäre Gewalt und Zwangsheirat – all das werde in der meinungsbeherrschenden Gesellschaft der „politisch korrekten“ Intellektuellen aufs Ärgste verschwiegen, ja tabuisiert. Und da sie, die Multikulti-Weichlinge vom Dienst, die Wahrheit nicht wahrhaben wollten, regten sie sich umso heftiger auf, wenn einer diese Wahrheit mal anspreche.

Nun lässt sich diese Behauptung seit vielen Jahren sehr einfach als Lüge entlarven. Im demokratischen Sektor der Gesellschaft, gerade auch im linksliberalen, mag es vor vielen Jahren eine gewisse Scheu gegeben haben, jemand anderen als die Mehrheitsgesellschaft für Probleme bei „ihren“ Minderheiten verantwortlich zu machen. Ein Bild des armen Migranten als Opfer wurde gepflegt, das ihn als aktives Mitglied der Gesellschaft – gutes oder auch böses – gar nicht erst zur Kenntnis nahm und ihn damit noch im Versuch, ihn zu beschützen, diskriminierte. Das war nicht zuletzt ein Reflex auf die pauschalen Attacken von rechts gegen Zuwanderung und Zuwanderer, aber es war der falsche.

Das allerdings ist seit vielen Jahren vorbei. Die Konservativen haben Deutschlands Charakter als Einwanderungsland zumindest im Prinzip zur Kenntnis genommen, und Linke wie Liberale beschäftigen sich intensiv auch mit der Verantwortung der Familienväter oder den Schäden, die falsch verstandene „Traditionspflege“ mancher Migranten anrichtet.

Rational betrachtet, kann es also am „Schweigekartell“, als dessen Opfer sich Sarrazin und andere so gern stilisieren, nicht liegen. Und doch entdecken die Rattenfänger einen Resonanzraum in Teilen der Bevölkerung, den etablierte Politik und Medien bisher nicht zu füllen vermögen. Einen Resonanzraum, der vor allem von einem Gefühl bestimmt sein dürfte: Angst.

Wenn jemand zusieht, wie seine engste Heimat ihm immer fremder wird, dann entwickelt er Angst und vielleicht Wut. Und den Wunsch, es möge das Rad der Zeit zurückzudrehen, die vermeintliche Ursache der Misere zu entfernen sein. Dann wird er zunächst keine Lust haben, auf Politiker und Medien zu hören, die sagen: Zurückdrehen geht nicht und Entfernen ebenso wenig. Sarrazin und andere dagegen verbünden sich mit dieser Angst. Die „Lösungen“ deuten sie nur an, überlassen sie den Ultrarechten und den geheimen Fantasien manches braven Bürgers. Es reicht ihnen, das Gefühl zu säen, dass alles ganz einfach sein könnte.

Liebe Sarrazin-Fans! Ihr Wunsch, dass „tabuloses“ Aussprechen hilft, ist verständlich. Aber Sarrazin wird Sie alleine lassen. Er wird Ihnen nicht helfen, weil es eben – ob wir das wollen oder nicht – so einfach nicht ist mit der Schuld der Migranten oder Hartz-IV-Bezieher an ihrer eigenen Misere. Er wird Sie und die Migranten, gute wie böse, bald vergessen. Bis zum nächsten Buch. Er lebt genau so von leerem Gerede, wie er es liberalen Geistern unterstellt.

All denen aber, die sich mit Recht erregen, sei gesagt: Ja, Sarrazin muss weg. Bundesbank und SPD tun gut daran, die Trennung zu suchen. Aber die Gesellschaft der Gutwilligen sollte nicht wieder einschlafen, wenn der Lärm vorüber ist.

Sie muss die Hilferufe, die Sarrazin aufgreift und verzerrt, endlich hören. Sie muss zeigen, dass passives Zusehen bei Bildungsmisere und Sozialhilfe-Karrieren samt ihren Folgen ein Ende hat. Dass man eine liberale Gesellschaft und ihre Politiker nicht am Nichtstun erkennt, sondern an so konsequentem wie demokratischem Handeln. Und niemand sollte vergessen: Wenn nichts geschieht in den Beinahe-Gettos unserer Städte, dann gründet der nächste Sarrazin vielleicht eine Partei. Und nimmt uns die Arbeit auf seine Weise ab.

Autor:  Stephan Hebel
Datum:  1 | 9 | 2010
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