Es muss ein Tag gewesen sein, an dem Dmitri Medwedew voller Stolz in den Spiegel geblickt hat. Nach dem Mord an dem Anwalt Stanislaw Markelow und der Journalistin Anastasja Baburowa von der kleinen, aber weltberühmten Zeitung Nowaja Gaseta, hatte Medwedew deren Chefredakteur und den prominenten Herausgeber in den Kreml geladen. Eine Stunde Zeit nahm er sich am 29. Januar für Dmitri Muratow und Michail Gorbatschow.
Das Protokoll des Treffens, von Muratow verfasst, sagt über Medwedew und seine Rolle im Machtgefüge mehr aus als all seine Reden, seit er vor einem Jahr zum russischen Präsidenten gewählt worden ist. Zutiefst betroffen sei er darüber gewesen, dass die Opfer so jung sterben mussten, berichtete Muratow. Nach dem Mord an Anna Politkowskaja im Oktober 2006 hatte Medwedews Vorgänger Wladimir Putin noch über die Tote gelästert, sie sei nur eine unbedeutende Journalistin gewesen.
Es mag Zufall gewesen sein, dass Premier Putin außer Hause war, beim Weltwirtschaftsforum in Davos, als Präsident Medwedew sich zu dieser Geste entschloss. Doch dieser Zufall ist zugleich ein Symbol: Erst wenn der zweite Mann im Staate verreist ist, kann der erste Courage zeigen.
Vor einem Jahr stand der Name Medwedew für Hoffnung. Nicht so sehr in Russland - dort hätten immer noch genügend Wähler Putin bevorzugt, wenn er ein drittes Mal hätte antreten dürfen. Der Westen hoffte. Und zwar darauf, dass in Russland ein liberaler, ein demokratisch denkender Präsident die Macht übernimmt. Dass dieser Mann vor allem ein loyaler Diener Putins war und ihm zum Beispiel bei der Abschaffung kritischer Medien half - was konnten diese Fakten schon gegen die Gefühle der Hoffnung ausrichten?
Seine ganze Machtlosigkeit offenbarte Medwedew im Georgien-Krieg im August vergangenen Jahres. Dass er den Einmarschbefehl für die russischen Truppen auf georgisches Territorium gegeben hat, ist im Grunde irrelevant. Medwedew, ein Zivilist, ist umgeben von Militär- und Geheimdienstleuten in seinem Herrschaftsapparat. Selbst wenn er andere Ideen zur Lösung internationaler Konflikte hat, könnte er sie nicht durchsetzen. Dasselbe Problem hat er auch im Justizwesen, wo er die Korruption nicht in Griff bekommt und in der Armee, deren Brutalität gegen eigene Soldaten er nicht beenden kann. All die Versprechungen in Reden vor westlichen Diplomaten und Geschäftsleuten sind wertlos angesichts der Herrschaftsarchitektur aus der Zeit Putins.
Und Putin ist weiterhin deutlich präsenter in der Öffentlichkeit als Medwedew: Wo er sich als Kämpfer präsentiert und westliche Journalisten oder den Präsidenten der europäischen Kommission, José Manuel Barroso, vor laufenden Kameras angreift, wirbt Medwedew um Verständnis und erklärt in den großen TV-Sendern der Welt lang und breit, warum Russland in Georgien einmarschierte. Solche Erklärungen aber werden in Russland als Schwäche gewertet. Und mit Schwachen hatte dieses Land noch nie Mitleid.
Acht Jahre lang demonstrierte Putin seine ganze Macht und Stärke: Er ließ vor laufenden Fernsehkameras seine Minister im Kreml wie Schuljungen antreten,um Bericht zu erstatten und Befehle von ihm zu empfangen. Der aggressive Regierungsstil jener Jahre durchsetzt heute die ganze russische Gesellschaft - vom zentralisierten, nationalistischen Bildungssystem bis in die Werbung hinein. Medwedew wirkt da wie ein Fremdkörper und wird entsprechend wahrgenommen: Ganze zwölf Prozent der Russen glauben, dass er das Sagen im Kreml hat. 45 Prozent sehen Putin weiterhin fest auf dem Thron sitzen, berichtete das unabhängige Meinungsforschungszentrum Lewada vergangene Woche:
Es gibt wenig Hoffnung, dass sich diese Wahrnehmung rasch ändern wird, dass Medwedew sich von seinem Förderer emanzipiert. Sein erstes Jahr im Amt ist ein Jahr der Enttäuschungen. Eine einmalige Chance könnte sich ihm jetzt, ausgerechnet in der Wirtschaftskrise, bieten - dank der Unmutsproteste auf den Straßen im Osten des Landes. Der Ruf nach hartem Vorgehen gegen das Volk ertönt bereits aus der Duma genauso wie aus den Sicherheitsapparaten. Nun läge es am Präsidenten, diesem Ruf zu folgen oder sich dagegen und vor sein Volk zu stellen. Dafür aber ist mehr nötig als eine couragierte Geste: Mut, im Zweifel auch Putin und dem von ihm aufgebauten Apparat die Stirn zu bieten. Ein Mut, den Medwedew nicht hat.

Damir Fras ist unser US-Korrespondent
Olivia Schoeller berichtete zuvor aus Washington
Daniel Haufler ist Redakteur im Ressort Meinung
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