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14. August 2008

Leitartikel: Der törichte deutsche Widerstand

 Von ROBERT VON HEUSINGER
Robert von Heusinger leitet die Wirtschaftsredaktion der Frankfurter Rundschau. Foto: FR

Die Weltwirtschaft schmiert ab. Die US-Immobilienkrise wirkt global. Überall auf der Welt wird Keynes neu entdeckt. Nur nicht in Deutschland. Das ist fatal. Von Robert von Heusinger

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Das hässliche Wort Rezession schlich sich Anfang Januar in die Wirtschaftsberichterstattung ein. Amerikas Konjunktur kippt! Seither erscheint das Wort immer öfter. Seither mutieren die Konjunkturnachrichten zu Gruselgeschichten. Alles bricht ein: die Stimmung, die Aufträge und sogar die Produktion - und das eigentlich weltweit. Gestern war es Japan, die zweitgrößte Industrienation, die ein schrumpfendes Bruttoinlandsprodukt für das zweite Quartal meldete. Und heute reiht sich die Nummer drei weltweit, Deutschland, ein. Auch hierzulande ging es in den Monaten April bis Juni bergab.

Die Debatte, ob und ab wann es sich um eine Rezession handelt, ist müßig und überflüssig. Wichtiger ist das große makroökonomische Bild - und das schaut schaurig aus. Da ist die Finanzkrise, die vor einem Jahr begann und nun definitiv auf die Realwirtschaft übergesprungen ist. Den Beleg liefern die Rohstoffmärkte, an denen die Preise nur so purzeln. Wenn das globale Wachstum nachlässt, müssen auch die Rohstoffpreise fallen. Ohne die Spekulanten, die bei Öl, Kupfer und Gold ihre letzten Trümpfe spielten, wäre das schon früher geschehen. Ohne sie wäre auch der Blick auf das wahre Problem, das Wachstum, nicht so lange versperrt gewesen. Denn die Blase bei Öl und Nahrungsmitteln schürte Inflationssorgen. Das Kapitel der Irritation ist abgeschlossen. Die Weltwirtschaft befindet sich im Abschwung, über Inflation muss sich niemand mehr den Kopf zerbrechen.

Dagegen ist das Kapital Finanzkrise keineswegs abgeschlossen. Sie tobt weiter. Noch immer trauen die Banken einander nicht über den Weg, und die Kreditkonditionen werden gerade erst verschärft. Aber ohne Kredit wächst im Kapitalismus nichts. Gleichzeitig verschlechtern sich die Gewinnaussichten der Firmen, was neue Belastungen für die Banken bedeutet. Dabei stehen die Kreditinstitute sowieso mit dem Rücken zur Wand. Denn der wahre Kern des Abschwungs sind die kollabierenden Immobilienmärkte. Leider nicht nur in den USA, sondern auch in Australien, England oder Spanien. Und keine Krise im Kapitalismus ist so fies wie die auf dem Häusermarkt, abgesehen natürlich von einer Bankenkrise. Immobilienkrisen sind zäh und offenbaren ihre zerstörerische Kraft nur häppchenweise. Davon können die deutschen Banken, die Ostdeutschland nach der Wiedervereinigung mit Immobilienkrediten versorgten, ein Lied singen, darüber können die japanischen Banken, die die Blase Ende der 1980er Jahre finanzieren halfen, Schauergeschichten erzählen.

Japan litt fast 15 Jahre an seiner Immobilienkrise, schleppte sich von Rezession zu Deflation. Dagegen erscheint im Rückblick die Bereinigung der weltweiten Technologieblase zu Anfang des Jahrhunderts wie ein angenehmer Spaziergang. Zwei Jahre schwaches Wachstum, und danach nahm das System wieder Fahrt auf.

Doch diesmal dürften nur fünf Jahre schwaches Wachstum schon eine mutige Prognose sein. Denn es handelt sich um eine Immobilienkrise, die durch die Verpackungskünste der Investmentbanker global ist. Alle Banken haben sich durch Wertpapiere, in denen US-Immobilienkredite verbrieft sind, angesteckt und infizieren nun die Realwirtschaft in ihren Ländern.

Das Ergebnis ist eine globale Nachfrageschwäche. Die einzige wirtschaftspolitische Antwort lautet Nachfragestimulierung durch den Staat. Er allein kann sich noch problemlos verschulden und das System stabilisieren. Die Weltwirtschaft befindet sich an einem Punkt, der dem vor 70 Jahren stark ähnelt, als der große Ökonom John Maynard Keynes seine Theorien entwickelte. Deshalb nimmt es auch kein Wunder, dass seine Rezepte wie Konjunkturprogramme wieder en vogue sind. In Amerika, Japan, Spanien und selbst beim Internationalen Währungsfonds, der sich Anfang des Jahres vom Dogma der Angebotspolitik verabschiedete. "Wir sind wieder alle Keynesianer" stellte gerade das Wirtschaftsmagazin Economist fest.

Alle? Nein. In Deutschland befindet sich ganz klar das Widerstandsnest im geläuterten ökonomischen Mainstream. In keinem anderen Land ist Keynes so verteufelt worden wie hierzulande. Nirgendwo sonst sind die einflussreichen Beraterstellen derart gesäubert worden von Ökonomen, die in volkswirtschaftlichen Zusammenhängen denken können. Das ist die große Schwäche Deutschlands. Das ist die große Sorge angesichts des globalen Abschwungs. Wieder könnte Deutschland darunter am stärksten leiden.

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