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Leitartikel: Der Virus-Schock

Beim Krisenmanagement für Seuchen haben die Bundesländer versagt. Die Verantwortung für die drohende Schweinegrippen-Pandemie muss deshalb der Bund übernehmen. Von Karl-Heinz Karisch

Karl-Heinz Karisch ist Wissenschaftsredakteur der Frankfurter Rundschau.
Karl-Heinz Karisch ist Wissenschaftsredakteur der Frankfurter Rundschau.
Foto: FR

Die Ruhe war trügerisch. Seit der mörderischen Spanischen Grippe von 1918, die bis zu 50 Millionen Menschen das Leben kostete, befürchten Mediziner einen neuen Schlag. Denn durch Millionenstädte und den heutigen Flugverkehr rund um den Erdball haben riskante Erreger ungleich bessere Möglichkeiten, sich zu verbreiten, als zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts.

Die Vogelgrippe galt seit 2005 als ein Kandidat für einen Super-Virus. Irgendwann, so prophezeiten Experten, werde er sich in einem Schwein irgendwo in China mit einem menschlichen Grippevirus vermischen und zum Killer mutieren. Schweine sind in der Lage, gleichzeitig sowohl Vogel- als auch menschliche Viren zu beherbergen. Sie sind auch der Brutreaktor für unsere Grippewellen mit immer neuen Virusvarianten. Doch erstens kommt es anders und zweitens als man denkt, weiß der Volksmund. Nicht die Vogelgrippe ist zum Killer mutiert, sondern ein Schweinegrippen-Virus hat sich überraschend an den Menschen angepasst. Und das auch nicht wie vermutet in China, sondern in Mexiko.

Die Weltgesundheitsorganisation WHO ist zu Recht besorgt. Denn die neue Variante der Schweinegrippe überträgt sich direkt von Mensch zu Mensch. Die Struktur des Virus ist zudem ungewöhnlich, sie enthält gleichzeitig Bestandteile von Vogel-, Schweine- und Menschen-Viren.

Bei der Vogelgrippe konnten die Bundesbürger nur von Glück sagen, dass sich die Erreger bislang nicht als so virulent herausgestellt haben, wie zunächst befürchtet. Denn dann hätte es eine medizinische Katastrophe gegeben. Die Produktion von Impfstoffen dauert bislang mehrere Wochen, wenn nicht Monate. Neue gentechnische Herstellungsverfahren sind zwar in der Entwicklung, aber noch nicht zugelassen; egal mit welchem Verfahren die Impfstoffe produziert würden, sie wären bei der ersten Erkrankungswelle noch nicht verfügbar. Und die herkömmlichen Grippe-Impfungen sind bei dem neuen Schweinevirus völlig unwirksam.

Monatelang hatten Seuchenmediziner vor dem Hintergrund einer drohenden Vogelgrippe vor vier Jahren vergeblich darauf gedrungen, endlich mit der notwendigen Einlagerung der Medikamente gegen Grippe - Tamiflu und Relenza - zu beginnen. Schier endlos stritten die Länder seinerzeit darüber, wer welche Kosten zu tragen habe. Und einige Industriekritiker sahen in den Medikamenten-Millionen ohnehin nur eine gigantische Subvention für die Pharmafirmen.

Vorratshaltung steht immer unter dem Generalverdacht der Geldverschwendung. Aber Schläuche und Feuerwehrwagen werden ja auch nicht erst eingekauft, wenn es brennt. Insofern steht Deutschland heute der drohenden neuen Schweinegrippe deutlich besser gewappnet gegenüber. Zumindest Tamiflu ist nach ersten Untersuchungen auch gegen die neue Schweinegrippe wirksam. Es blockiert ein Enzym, mit dem das Virus in die Zelle eindringt. Gegen die anderen, ähnlich wirkenden Medikamente ist der Schweinegrippe-Erreger offenbar resistent.

Ein Medikament ist also wirksam. Glück gehabt, könnte man sagen. Allerdings haben die Länder wesentlich weniger Wirkstoff eingekauft, als es das fachlich zuständige Robert-Koch-Institut seinerzeit empfohlen hatte. Insofern könnten hier nicht so viele Menschen behandelt werden wie etwa in Österreich. In Deutschland reicht es gerade mal für medizinisches Personal, Lehrer, die Polizei und andere Einsatzkräfte. Insgesamt haben die Bundesländer in der gemeinsamen Krisenplanung bislang eine schlechte Figur gemacht. Sie müssten jetzt handfeste Argumente haben, warum die Verantwortung bei ihnen bleiben sollte. Ihr Gewurschtel um Zuständigkeiten hat dramatisch gezeigt, dass die Verantwortung für um den Globus wandernde Infektionskrankheiten besser zentral von Berlin übernommen wird.

In Mexiko bleiben vorerst die Schulen geschlossen, Fußballer spielen dort vor leeren Rängen, schützende Atemmasken sind Mangelware. Auf den internationalen Flughäfen werden Passagiere auf erhöhte Temperatur und Grippesymptome getestet. Möglicherweise ist das der Prolog für ein größeres Drama. Für Alarmismus ist es zu früh. Die wachsende Zahl der Toten in Mexiko ist jedoch beunruhigend. Denn die neue Variante der Schweinegrippe befällt vor allem junge, kräftige Menschen - auch das eine Eigenheit der verheerenden Spanischen Grippe von 1918.

Autor:  KARL-HEINZ KARISCH
Datum:  26 | 4 | 2009
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