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03. April 2012

Leitartikel: Deutsches Solar-Debakel

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Das deutsche Solar Valley hätte eine Erfolgsgeschichte bleiben können, wenn es nicht China und andere asiatische Länder gäbe.  Foto: Reuters

Forschungs- und Wissenschaftskompetenzen, mit viel Steuergeld geschaffen, werden vernichtet. Das geschieht, weil marktliberale Politiker glauben, der Markt werde es richten.

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Es war viel Unsinn, was die Experten der Atomindustrie in den 70er-Jahren auf bunten Diagrammen präsentierten. Windkraft werde es in nennenswertem Umfang niemals geben. Stromerzeugung mit Solarzellen sei pure Science-Fiction. Eine wirtschaftliche Stromausbeute sei in nördlichen Ländern niemals erreichbar. Das Mantra: Atomkraft ist unverzichtbar.

Ein dänisches Alternativ-Schulprojekt in Tvind machte sich damals auf, der Atomindustrie etwas entgegenzusetzen. Es begann mit dem Bau einer großen Windenergieanlage. Experten hielten den Bau von so großen stabilen Rotorblättern für unmöglich, ganz zu schweigen von den Schwierigkeiten, den Strom ohne Kurzschluss ins Netz einzuspeisen. Zu unstet wehe der Wind. Wer heute durch Deutschland fährt, der kommt an Windparks vorbei, in denen Hunderte ungleich größere Rotoren Strom ins Netz speisen.

Es stimmt, dass seinerzeit eine bedeutende Computerfirma größte Schwierigkeit hatte, die komplizierte Regelungstechnik für den Tvind-Windgenerator hinzubekommen. 1976 aber drehten sich die von„kiffenden Spinnern und Weltverbesserern“ installierten Flügel im Wind – für viele Jahre die größte Windkraftanlage der Welt.

Das Tvind-Projekt gab den Anstoß, Ingenieure rechneten nach, was möglich wäre. In Deutschland starteten erste Forschungsprojekte. Im Überschwang war zunächst ein grandioser Flop inbegriffen. Die auf drei Megawatt Leistung ausgelegte Anlage Growian scheiterte zwar 1987 an den technischen Schwierigkeiten mit tonnenschweren Doppelflügeln. Aufhalten ließ sich die Windkraft aber nicht mehr.

Eine ähnlich Geschichte ist von der Photovoltaik zu erzählen. Die Sonneneinstrahlung auf dem Planeten Erde entspricht etwa dem 15.000-Fachen des derzeitigen weltweiten Energiebedarfs. Auch auf diesem Gebiet vollbrachte die Wissenschaft, angeregt durch staatliche Forschungs- und Förderprogramme, Unglaubliches.

Asien verdrängt das deutsche Solar Valley

Mitte der 50er-Jahre lag der Wirkungsgrad von Siliziumzellen bei vier Prozent. Heute erreichen die Wirkungsgrade handelsüblicher Solarmodule 20 Prozent – weit mehr, als man seinerzeit theoretisch überhaupt für möglich hielt. Im Labor werden 40 Prozent Wirkungsgrad erreicht. Das teure Silizium bekommt zudem Konkurrenz. Preiswerte Dünnschichttechnologien und Farbstoffe, die Licht in Strom wandeln können, sind in den Labors im Entstehen.

Diese enormen technischen Leistungen ermöglichte zum großen Teil die einst vorausschauende deutsche Forschungspolitik. Mit Milliardenbeträgen gelang der Einstieg in eine Energiewende, die nach Ansicht der Stromkonzerne unmöglich war. Rund um Bitterfeld-Wolfen erblühte nach der Wende ein deutsches Solar Valley. Gestern meldete die Firma Q-Cells Insolvenz an.

Es hätte eine Erfolgsgeschichte bleiben können, wenn es nicht China und andere asiatische Länder gäbe. Die Chinesen haben gut verstanden, wie Kapitalismus funktioniert. Mit den für Hochtechnologie so wichtigen Seltenen Erden haben sie es vorexerziert. Man überschwemme den Weltmarkt so lange mit Billigstangeboten, bis alle Konkurrenten dicht gemacht haben. Dann verknappe man schlagartig das Angebot und setze die Preise hoch.

Nun also Solarzellen. Die werden billig von chinesischen Firmen auf den Weltmarkt geworfen, und unserer Bundesregierung fiel dazu in der vergangenen Woche nur eines ein: Die Fördersätze für Solarstrom werden gesenkt, weil die Preise der Anlagen enorm gefallen sind.

Damit kann die deutsche Solarindustrie seit geraumer Zeit nicht mehr Schritt halten. Etliche Firmen sind bereits in die Insolvenz gegangen. Ob es wirklich nur daran liegt, dass sie sich auf dem Subventionspolster ausgeruht haben und die Entwicklung am Weltmarkt verschlafen haben, wie einige Wirtschaftsmagazine analysieren?

Tausende Arbeitsplätze im konjunkturschwächeren Osten sind verschwunden oder fallen in diesen Tagen weg. Damit einher geht die Vernichtung von Forschungs- und Wissenschaftskompetenzen, die mit viel Steuergelder geschaffen worden sind. Das alles geschieht, weil marktliberale Politiker glauben, der Markt werde es schon richten. Die Zwei-Prozent-Partei FDP macht mit ihrem Koalitionspartner CDU/CSU die deutsche Solarindustrie platt. Kreative politische Lösungen, zur Not auch mit einer Dosis Protektionismus und Schutzzöllen, wären sinnvoller gewesen.

Beim Absturz der Solarbranche wird es nicht bleiben. Die Windenergie schrieb in Deutschland eine Erfolgsgeschichte. Seit 2011 ist China Weltmeister im Windräderbau. Noch sind chinesische Anlagen störanfällig und technisch rückständig. Noch.

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