Sie sagen, es war Frauenhass. 15 Menschen hat Tim K. getötet, die meisten waren Mädchen oder Frauen: acht Schülerinnen und drei Lehrerinnen. Das ist auffällig. Warum so viele Frauen? In den Kneipen, beim Abendbrot, im Büro war immer wieder diese Frage zu hören: Warum Frauen? Es stimmt zwar nicht, dass die Medien das Thema gar nicht wahrgenommen hätten. Dass viele Mädchen getötet und verletzt wurden, war zu hören und zu lesen. Aber in den Mittelpunkt rückte das Thema auch nicht. Warum?
Vielleicht, weil, was so offensichtlich scheint, gar nicht so eindeutig ist, wie feministische Autorinnen bereits öffentlich urteilten: Frauenhass sei "klar" das Motiv.
Ist das so klar? Die Polizei in Waiblingen sieht das nicht so: "Es gibt keine Hinweise auf Frauenhass als Motiv". Die Vernehmungen hätten ergeben, dass der Täter "völlig ziel- und wahllos geschossen" habe. Dass es so viele Mädchen erwischt habe, liege daran, dass sie ihre Plätze vom Täter aus gesehen vorne hatten. "Die saßen einfach unglücklich." Doch viele Opfer wurden per Kopfschuss getötet. "Hingerichtet", schreiben manche. Und es gibt Amokforscher, die versichern, dass sich die Täter vorher genau überlegen, wen sie töten.
Das heißt aber noch nicht, dass Tim K. gezielt Mädchen tötete. Vielleicht mordete er nur gezielt "Menschen in der Schule" und traf bloß zuerst Mädchen und Frauen. Aber vielleicht richtete er die Waffe auch gezielt auf das andere Geschlecht. Wir wissen es nicht. Da hilft es nicht, Mutmaßungen als Tatsachen hinzustellen. Bisher hat sich noch nicht mal jemand die Mühe gemacht zu fragen, wie viele Jungs es in den Klassen überhaupt gab; 15 Jungs/16 Mädchen waren es in der einen, 16 Jungs/12 Mädchen in der anderen Klasse.
Fest steht, dass es fast immer Männer sind, die Amok laufen. Fest steht leider auch, dass sich auch nach 40 Jahren Frauenbewegung an der Tatsache nichts geändert hat, dass es Frauenhasser gibt - auch wenn das kein definierter Begriff ist. Es gibt jede Menge Männer, die Frauen schlagen, sich gefügig machen, vergewaltigen, töten.
Warum sie das tun? Es gibt psychologische Erklärungsversuche: Es sind Männer, die sich in der frühen Kindheit ungeliebt fühlten und deshalb kein gesundes Selbstvertrauen entwickeln konnten. Wachsen sie heran, kann es passieren, dass sich solche Männer als wertlos empfinden, als von den begehrten Frauen zurückgewiesen. Sie fühlen sich wegen ihres Begehrens ausgeliefert und können dieses Ausgeliefertsein nicht ertragen. Die Folge ist Aggression gegen das Objekt der Begierde. Es gilt, die eigene Lebensangst den anderen, den Frauen, einzujagen. Die ultimative Gewalt ist die Sehnsucht nach totaler Kontrolle. So oder so ähnlich könnte es auch bei Tim K. gewesen sein. Die Bilder gefesselter Frauen auf seinem PC lassen das denken. Doch ob Frauen sein Hauptproblem waren oder das System Schule, in dem er fast versagt hatte, wissen wir nicht. So oder so entstand Gewalt hier aus einem Gefühl der Schwäche oder Unterlegenheit, und das Gefühl sollte weg.
Ein Schlüssel zur Vorbeugung gegen Gewalttäter ist die Erziehung, und nicht die Fassade der Mittelschicht, auf die bei Tim K. immer so abgehoben wird, als sei diese Ausweis der Normalität des Familienlebens. Eine bizarre Annahme. Fühlen sich Kinder nicht geliebt, werden sie klein gehalten, nicht wertgeschätzt, womöglich gar geprügelt oder missbraucht, haben sie kaum eine Chance, ein solides Rückgrat fürs Leben zu entwickeln. Das passiert kleinen Mädchen genauso wie Jungen. Nur reagieren sie weit seltener mit nach außen gerichteter Gewalt.
Kinder, die mit sich einverstanden sind, überstehen die Talfahrten der Pubertät und alles, was später noch kommt, leichter. Ein geliebter, zufriedener Junge wird eher nicht zum Amokläufer. Zum Frauenhasser auch nicht. Bloß: Wie schützt man Kinder davor, von ihren Eltern nicht genug geliebt zu werden? Die das selbst womöglich nicht mal merken? Das ist die schwierige Aufgabe. Auch die Josef Fritzls dieser Welt waren mal ungeliebte, von der Mutter geschlagene Jungen. Tim K.? Wir wissen es nicht.
Ein anderer Schlüssel ist das Prinzip Männlichkeit, das immer noch häufig vom Typ Muskelmann besetzt ist. Wir müssen dafür sorgen, dass Jungen Vorbilder finden, die männlich sind, aber keine Bullys. Männer, die es schätzen, wenn die Frau neben ihnen was drauf hat und - was soll's - sogar klüger und stärker sein kann als sie selbst.

Damir Fras ist unser US-Korrespondent
Olivia Schoeller berichtete zuvor aus Washington
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