Wären wir unserer Großmutter doch viel früher auf die Füße getreten. Nicht nur ihr Testament soll sie aufsetzen. Nein, auch diese Papiere mit den unschönen Namen "Vorsorgevollmacht" und "Patientenverfügung" müssen noch erstellt werden. Jetzt kosten Überredungs- wie Erklärungskünste der gesamten Familie viel Zeit und noch mehr Nerven. Denn Oma hört mit ihren fast 80 Jahren nicht nur schlecht, Oma will auch nicht so recht. Ja, hätten wir mal früher...
Wir, die Enkel, sollten uns an die eigenen Ohren packen - und schleunigst ein leeres, weißes Papier vornehmen und beschreiben. Die Patientenverfügung tut nicht weh. Im Gegenteil: Sie gibt den Medizinern vor, detailliert und Schwarz auf Weiß, was passieren soll, wenn es beim Unfall knallt und alles zappenduster wird. Sie ist Leitfaden für die Arbeit der Ärzte in den Intensivstationen. Auf dass sie unserem Leben wieder Atem geben.
Oder auch: Was sie gefälligst unterlassen sollen. Weil es allein unser Leben ist. Weil es die persönliche Entscheidung ist, nicht fünf Jahre im Wachkoma zu liegen - wenn am Ende doch nur der Tod steht.
Das Markus-Krankenhaus und die Diakonie-Kliniken setzen mit ihrem kleinen Ratgeberfilm ein gutes Zeichen. Eines, das auch verlangt, die Augen vor dem Extremfall und unangenehmen Vorstellungen nicht zu verschließen. Nicht nur, weil die Intensivmediziner äußerst dankbar sind, wenn ihnen eine Patientenverfügung vorliegt.
In der Stadt gibt es viele Menschen, die Rat geben, wenn Situationen hart auf hart kommen: Mediziner erklären in Patientenseminaren, was nach einem Unfall im Gehirn geschehen kann; Betreuungsrichter weisen darauf hin, dass allein die Betroffenen festlegen können, wer später in ihrem Namen Unterschriften setzt und wer nicht. Die Diakonie vernetzt die wichtigen Anlaufstellen.
Leicht klingt es, diese Angebote anzunehmen, kompliziert dagegen scheint das Danach: Denn niemand weiß, welche Krankheit die Zukunft bringt, wie deren Behandlung verlaufen wird, und was das einmal bedeuten kann. Deshalb ist eine ständige rechtliche, medizinische und gründliche Beratung und Begleitung wichtig.
Noch gibt es kein Gesetz in Deutschland, das die Patientenverfügung vorschreibt. Aber in Berlin diskutieren sie seit fast fünf Jahren, ein Ende mit einer rechtlichen Grundlage scheint in Sicht. Auch, wenn das vielen Ärzten nicht passt. Weil sie dann auch jene Patientenwünsche umsetzen müssten, die sie mit ihrem Gewissen nicht vereinbaren können und wollen.
Aber unsere Enkel werden uns später noch mehr lieben. Nicht nur der heimlich zugesteckten Zehner wegen, sondern - weil wir eine Patientenverfügung geschrieben haben. Damals vor 50 Jahren.