Wenn Demokratien in den Krieg ziehen, was sie leider öfter tun, als man glauben möchte, ist die Aufgabenverteilung klar. Es gilt das Primat der Politik über das Militär. Dieser Grundsatz gehört, darauf hat Barack Obama zu Recht hingewiesen, zum Kern einer jeden demokratisch verfassten Gesellschaft. "Unsere Demokratie hängt von Institutionen ab, die stärker sind als Einzelne", begründete der Präsident der USA den Rauswurf seines Afghanistan-Kommandeurs Stanley McChrystal, "das beinhaltet die strikte Befolgung der Befehlskette und den Respekt davor, dass es eine zivile Kontrolle über diese militärische Befehlskette gibt." Dieser Respekt ging McChrystal und seinen Adlaten gründlich ab, als sie in entspannter Atmosphäre im fernen Paris einem Reporter allerlei Despektierliches über die "Schlappschwänze" in Washington in den Schreibblock diktierten.
Nun hat gerade Amerika einen fragwürdigen "Warrior"-Kult herangezüchtet, der sich mit dem deutschen Verständnis von innerer Führung und dem Soldaten als Staatsbürger in Uniform nur schwer verträgt. Die Aussicht, bei schlechter Besoldung auf dem Schlachtfeld fürs Vaterland zu bluten, wird in den USA quasi durch automatischen Heldenstatus entgolten. Zumal in Zeiten, in denen das Bluten und Sterben zum Dauerzustand geworden ist, wird "unseren mutigen Männern und Frauen in Uniform" zwischen New York und San Francisco wie Halbgöttern gehuldigt. Bei genauer Betrachtung freilich entpuppt sich solch militaristisch angehauchter Patriotismus nicht selten als scheinheilige Erleichterung, einen Dummen für die Drecksarbeit gefunden zu haben. Wer nicht lernt, landet im Irak, hat ein früherer Präsidentschaftskandidat mal Jugendlichen gesagt.
Da mag es nicht verwundern, wenn sich auch in Amerikas Streitkräften eine gewisse Distanz gegenüber der Zivilgesellschaft etabliert hat. Die Vietnam-Erfahrung, in einem sinnlosen Krieg verheizt worden zu sein, nur weil der Präsident nicht den Mut aufbrachte, seinen Fehler einzugestehen, hat tiefe Spuren hinterlassen. Der von neokonservativen "Falken" in Zivil angezettelte Irak-Krieg ebenso. Nicht nur entpuppte sich der von der Bush-Regierung angeführte Kriegsgrund als falsch. Auch fühlten sich Amerikas Militärs im Stich gelassen, weil ihre Warnung ignoriert wurde, eine Besatzung des Irak werde deutlich mehr Truppen erfordern, als Washingtons politische Logik dafür vorsah.
Selbst Afghanistan gehört in die Reihe jener Feldzüge, die als Versagen politischer Führung gelten müssen. Nach der Flucht der Taliban aus Kabul vor fast neun Jahren war in Washington das Interesse am Hindukusch rasch erlahmt. George W. Bush schickte seine Truppen 2003 lieber in den Irak. Mit einer Strategie für die langfristige Stabilisierung Afghanistans mochte sich seine Regierung nie aufhalten. Das Ergebnis ist heute zu besichtigen.
Die Beispiele zeigen, dass das Primat der Politik in Kriegsfragen keine Einbahnstraße sein kann. Es gilt unbedingt. Aber es bringt auch Verantwortung mit sich. Zum Beispiel die, jeden Marschbefehl nach demokratischen Regeln schlüssig begründen zu können. Oder die, den in die Schlacht befohlenen Soldaten klare und realistische Ziele zu setzen. Und auch das muss Politik sicherstellen: Dass Kriege nicht zu Selbstläufern werden, die weiter gekämpft werden, weil man halt schon lange dabei ist und Opfer erbracht hat. "Jeder Krieg muss enden", mahnte einst der Pentagon-Vordenker Fred Ikle, gewiss keine Taube. Er muss auch stets neu gerechtfertigt werden.
Mit Blick auf den aktuellen Fall McChrystal gilt es festzuhalten, dass auch in den USA keine Stimme von Gewicht das Verhalten des aufmüpfigen Generals verteidigt hätte. Demokraten und Republikaner, Militärs und Zivilisten - aus keiner Ecke wurden ernsthaft Proteste gegen McChrystals Abberufung laut. Obama hat Amerikas Soldatenkult die Grenzen aufgezeigt. Das ist gut so. Weniger gut ist der Wunsch des Präsidenten, mit dem Afghanistan-Kommandeur David Petraeus rasch zur Tagesordnung zurückzukehren. Die Strategie am Hindukusch ändert sich nicht, sagt Obama. Doch diese Strategie bleibt von Widersprüchen gezeichnet. Truppenaufstockung jetzt, Abzug ab 2011: Der willkürliche Zeitplan folgt eher Washingtons politischen Zwängen als den Gegebenheiten vor Ort. Er irritiert Freund und Feind. Der Präsident kann die Loyalität der Generäle einfordern. Im Gegenzug aber ist er den Soldaten klare Antworten schuldig.

Damir Fras ist unser US-Korrespondent
Olivia Schoeller berichtete zuvor aus Washington
Daniel Haufler ist Redakteur im Ressort Meinung
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