Joachim Gauck ist ein Gefeierter. "Er hat sich in herausragender und unverwechselbarer Weise um unser Land verdient gemacht - als Bürgerrechtler, politischer Aufklärer, Mahner und ein Mann, der immer wieder an die historische Verantwortung erinnert." Wer hat die Hymne auf den rot-grünen Präsidentschaftskandidaten gesungen? Bundeskanzlerin Angela Merkel in diesem Januar zu Gaucks 70. Geburtstag. "Danke, dass es Sie gibt, danke, dass Sie weiter da sind", schloss sie ihre Rede.
Was hat die Kanzlerin bewogen, diesen eloquenten, wortmächtigen und wortgewaltigen Mann nicht auf den schwarz-gelben Schild zu heben und für das höchste Amt im Land zu nominieren? Wir wissen es nicht. Tatsache ist, dass sich die Kanzlerin verspekuliert hat. Bei schwierigen Problemen, und die hat unser Land derzeit geradezu in gigantischer Fülle, reicht ausgefuchstes Taktieren eben nicht. Angela Merkel hat sich selbst eingemauert im kleinkarierten Parteienproporz. Ihre ängstliche Wahl fiel auf Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff. Er versucht, in der CDU stets ein weniger schneller als andere zu sein, verlässt aber die Stromlinie nie, er will niemandem wohl und niemandem wehe. Ja, er ist jung - aber alt im Profil.
Joachim Gauck ist alt an Jahren, aber jung im Kopf. Er hört nicht auf zu denken, zu prüfen und neue Schlüsse zu ziehen. Er trägt kein parteipolitisches Hütchen und wird, sollte er wider Erwarten doch der nächste Bundespräsident sein, auch die nicht schonen, die ihn nominiert haben. Er hat stets Kante gezeigt - der Union, der FDP, der SPD, den Grünen und den Linken.
Der Vergleich Wulff - Gauck, bei dem der unbequeme Bürgerrechtler in (fast) allen Punkten besser abschneidet, reicht jedoch nicht, um zu sagen: Gauck for President. Im Fußball gilt die Weisheit: Entscheidend ist auf´m Platz. Das ist nicht anders im Präsidentenamt. Wer es innehat, muss nicht nur repräsentieren und Brücken bauen können. Der Präsident muss etwas zu sagen haben, seinem Volk und der Welt draußen. Dazu braucht man einen scharfen Verstand. Gesegnet damit waren die besten Präsidenten, die Deutschland bislang hatte: Gustav Heinemann und Richard von Weizsäcker. Sie waren echte Bürgerpräsidenten, nicht zum Anfassen oder gemeinsamen Wurstessen, aber sie sorgten und kümmerten sich ums Gemeinwohl.
Joachim Gauck kann das auch. Er weiß, was uns Bürgerinnen und Bürgern leider so oft fehlt. Es ist der Mut zur Freiheit. "Angst kann kein Kompass sein", lautet einer seiner eindringlichen Sätze. Nicht nur einfach so dahergesagt, sondern selbst erfahren im Widerstand gegen die DDR-Diktatur. Das spürt man. "Wo Unfreiheit abwesend ist, pflegen die Vorteile der Freiheit zu verblassen", hat Gauck einmal gesagt. Damit trifft er mitten ins Schwarze, wenn es um Deutschland heute geht. Denn der Vorteil der Freiheit ist, wählen zu können zwischen Lethargie und Aufbruch, zwischen Jammern und Zupacken, zwischen Nehmen und Geben. Joachim Gauck ist ein Treiber, der alle zu mehr Verantwortung drängt. Er weiß, dass das mündige Treffen eigener Entscheidungen froh und glücklich macht - nicht immer, ja. Aber immer öfter, je häufiger wir uns trauen.
Das ist der Grund, warum der alte Mann jetzt so überbordenden Zuspruch in der Bevölkerung erhält. Nicht nur von den alten Kämpen. Es sind die Enkel, die ihn als Präsidenten haben wollen. Binnen Tagen haben sich bei Facebook Tausende für ihn eingesetzt und Wulff aufgefordert, seine Kandidatur zurückzuziehen. Und das ist wohl erst der Beginn einer großen Bugwelle. Damit hat Frau Merkel nicht gerechnet.
Es ist nicht mehr ausgemacht, dass es unter den 1244 Mitgliedern der Bundesversammlung, die den Präsidenten wählt, nicht doch Frauen und Männer gibt, die Gauck verstanden haben: Angst kann kein Kompass sein. Es gibt in den bürgerlichen Parteien viele, die mit ihm sympathisieren. Freidemokraten wissen außerdem, dass sie in der Koalition keinen Blumentopf mehr gewinnen können, warum also sollten sie für den blassen Kandidaten der Kanzlerin votieren? Christdemokraten haben in Gauck geradezu den Prototypen des Bürgerlichen. Die Klugen unter den Linken wären hoffnungslos verloren, wenn sie sich zum Steigbügelhalter für Wulff machten.
Alle jene, die Gauck für den besseren Kandidaten halten, müssen ihn am 30. Juni nur noch wählen und den Deutschen den Präsidenten geben, den sie in der Mehrheit wollen. Schließlich: Wir sind das Volk, wir sind ein Volk.

Damir Fras ist unser US-Korrespondent
Olivia Schoeller berichtete zuvor aus Washington
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