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Leitartikel: Die Kleriker sind angezählt

Mit seinem Hin und Her bei der Überprüfung der Wahlen macht sich der mächtige Wächterrat angreifbar. Das iranische Volk dagegen gewinnt immer mehr Ansehen in der Welt. Von Martin Gehlen

Martin Gehlen ist Redakteur beim Berliner Tagesspiegel.
Martin Gehlen ist Redakteur beim Berliner Tagesspiegel.

Die Büchse der Pandora ist geöffnet. Seit der Schmierenkomödie bei der Präsidentenwahl durchlebt die Islamische Republik die tiefste Legitimationskrise ihrer Geschichte. Und schon jetzt steht fest: Egal wie der Machtkampf in Teheran ausgeht, es wird nichts mehr so sein wie vorher in dem schiitischen Gottesstaat der Ajatollahs Khomeini und Chamenei.

Der irrwitzige Plan des Regimes, die Opposition beim Wahlergebnis im Handstreich zu überrollen und mundtot zu machen, ist gescheitert. Stattdessen gingen Millionen auf die Straßen - geführt von Mir Hussein Mussawi, einem Revolutionär der ersten Stunde, einem ehemaligen Kriegspremier mit eisernen Nerven und einem Mann mit gutem taktischem Gespür.

Parallel dazu ist innerhalb der Führungselite des Landes ein so erbitterter Machtkampf entbrannt, dass er am Ende das ganze Gebäude der Islamischen Republik in den Abgrund reißen kann. Nach zehn Tagen Rebellion, zwei Dutzend Toten und der ultimativen Freitagspredigt von Ajatollah Ali Chamenei an das Volk geht es jetzt um den Kern des frommen Imperiums, die Autorität des Obersten Religionsführers und die Stellung der geistlichen Gewalt im Machtgefüge des Landes.

Noch respektiert Mussawi die Grenzen des politischen Elitenkartells

Noch nie zuvor war die Autorität Chameneis so offen herausgefordert. Kaum hatte der allmächtige Chef-Ajatollah seinen letzten Satz beendet, verbreitete Gegenspieler Mussawi am Wochenende über das Internet die große Gegenpredigt, zogen seine Anhänger erneut auf die Straßen. Bislang besteht das iranische System aus einer ungewöhnlichen Mischung aus theologischen, staatlichen und demokratischen Elementen, die sich nur durch einen Konsens der Eliten zusammenhalten lassen.

Und noch präsentiert sich Mussawi als ein Mann, der die Grenzen dieses politischen Elitenkartells respektiert. Er wolle das islamische System und seine Gesetze nicht abschaffen, er wolle das System reformieren, lautete bislang seine Devise.

Doch in Wirklichkeit zwingt ihn schon jetzt die Empörung im Volk, zur Rettung der letzten demokratischen Elemente offen Front gegen die Dominanz der Geistlichkeit zu machen. Eine Entmachtung der Klerikerkaste und ihre Rückkehr unter das Dach staatlicher Autorität wäre für die schiitische politische Theologie ein Wiederanschluss an ihre Denktraditionen vor 1979 - und für die Islamische Republik das Ende einer Epoche.

Nicht nur der Revolutionsführer, auch der Wächterrat ist angezählt. Noch 2004 siebte er ohne große Gegenwehr praktisch alle Reformkandidaten bei den Parlamentswahlen aus und knickte hunderte politische Karrieren. 2009 bei der Präsidentschaftswahl schickte er in gottgleicher Selbstverständlichkeit von 475 Bewerbern, darunter 42 Frauen, alle bis auf vier nach Hause.

Das Volk wird sich nicht beruhigen lassen

Nach dem fatalen 12. Juni jedoch präsentiert sich das Gremium eher wie ein verwirrter Altmännerzirkel. Zunächst stimmte er einer teilweisen Neuauszählung im Prinzip zu. Dann entschied er, die Urnen nach dem Zufallsprinzip zu prüfen. Am Montagvormittag hatte er offenbar erste Ungereimtheiten gefunden, am Nachmittag ließ er alles wieder dementieren

Und was folgt daraus? Bekommt Präsident Mahmud Ahmadinedschad am Ende pauschal ein paar hunderttausend Strafstimmen abgezogen? Oder wird das Ausmaß des Betrugs in den nächsten Tagen statistisch hochgerechnet? Das Computerprogramm für solche Manöver liegt ja noch im Innenministerium.

Am kommenden Sonntag wissen wir mehr, wenn die Herren ihr Fazit präsentieren. Das Volk wird sich dadurch nicht beruhigen lassen. Und es wird der Welt weiter vor Augen führen, wie irreführend, simpel und dumm alle Klischees waren, die in den acht Jahren George W. Bush in der westlichen Welt von ihm gezeichnet wurden. Eine ganze Nation sah sich in die Achse des Bösen eingereiht und zur ideologischen Einheitsarmee eines erratischen Präsidenten und eines vernagelten Revolutionsführers degradiert.

Inzwischen weiß es der ganze Globus besser: Die Mehrheit der Iraner sind aufgeschlossen, sind Menschen, die sich nach einem normalen Leben und friedlichen Beziehungen zur Welt sehnen. Auch hat der Iran Politiker, die den Bezug zur Realität nicht verloren haben und auch zu erheblichen Selbstkorrekturen im Kurs ihres Landes bereit sind. Und der Iran hat eine Zivilgesellschaft, die in puncto Bildung, Fantasie und demokratischer Kultur im ganzen Mittleren Osten ihresgleichen sucht.

Autor:  MARTIN GEHLEN
Datum:  22 | 6 | 2009
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