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Leitartikel: Die Kraft der Ideen

Attac leidet zehn Jahre nach Gründung der Bewegung bisweilen unter dem eigenen Erfolg. Kein Grund zur Sorge: Die Gesellschaft braucht denkende Freigeister ohne Parteifesseln. Von Volker Schmidt

Volker Schmidt ist Politikredakteur der Frankfurter Rundschau.
Volker Schmidt ist Politikredakteur der Frankfurter Rundschau.
Foto: FR

Wenn schon die CDU eine Steuer auf Finanztransaktionen fordert, braucht doch keiner mehr Attac. Von den Gefahren der Globalisierung reden heute die Mittelstands-Stammtische jeder Provinz-Handelskammer. Und einen zünftigen Gipfel-Krawall wie damals in Heiligendamm haben die Aktivisten mit der Attacke im Namen seit Jahren nicht mehr angezettelt. Sollen die sich doch auflösen. Oder?

Es geht Attac ein bisschen wie den Grünen in den späten 1980er, frühen 1990er Jahren, als die sogenannten etablierten Parteien die Umwelt als Thema entdeckt hatten. Der inhaltliche Erfolg hat Attac in eine Krise gestürzt, allerdings in erster Linie eine Krise der öffentlichen Wahrnehmung. Die Mitgliederzahlen steigen immer noch, und allein 2009 haben sich 16 neue Regionalgruppen gegründet.

Aber im Vergleich zum Medienhype im kurzen Sommer der Globalisierungskritik, 2007 beim G8-Gipfel in Heiligendamm, ist es ruhiger geworden um Attac. Das hat eine Reihe von Gründen. Bekannte kluge Köpfe wie der Wirtschaftswissenschaftler Sven Giegold, jetzt Europaabgeordneter der Grünen, sind aus der Bewegung herausgewachsen. Und weil Attac in vielen basisdemokratischen Zirkeln, Arbeitsgruppen und "Ratschlägen" organisiert ist, finden die promigierigen Medien kaum neue Anknüpfungspunkte.

Das Netzwerk hat sich auch ein wenig verzettelt: Die Kernkompetenz von Attac, die Kritik an der einseitig von den Profitinteressen der Großkonzerne dominierten Vernetzung der Welt, ist hinter vielen anderen Themen verschwunden. Attac besteht aus Einzelpersonen und Organisationen wie Verdi oder Pax Christi.

"Heuschrecken" und "Zocker"

Sie alle bringen ihre eigenen Schwerpunkte mit, da sind Pazifisten und Klimaschützer, Antifaschisten und Feministinnen, Kulturaktivisten und Antimonopolisten. Diese Arbeitsfelder haben durchaus alle mit marktradikaler Ökonomie zu tun: Die Basis bestimmt nun mal den Überbau. Aber es ist Attac nicht immer gelungen, diesen Zusammenhang zu vermitteln. Manche sehen die Organisation heute als unfokussierte Versammlung von Gutmenschen, die für so einiges und gegen noch viel mehr sind.

Vor allem ist es paradoxerweise die Karriere des Attac-Lieblingsthemas, die das Rampenlicht auf andere gleiten lässt. "Heuschrecken" und "Zocker" aus der Welt des unfairen Handels stellt sogar der Bundespräsident an den Pranger. Über eine Finanztransaktionssteuer, Gründungsanliegen von Attac, streiten in Talkshows Berliner Politiker, da braucht man keinen Attaci einzuladen. Was will Attac denn noch?

Dafür sorgen, dass den Worten Taten folgen, zum Beispiel. Attac traut dem Braten nicht. Die Mitglieder fürchten, dass die Liberalisierer wieder Oberwasser bekommen, wenn der erste Krisen-Schock abgeklungen ist. Sie glauben, dass hohe Politik und große Wirtschaft viel zu eng verbandelt sind, als dass Erstere die Welt noch anders sehen könnten als aus der Perspektive der Letzteren. Der Verdacht ist begründet.

Denkfabrik und alternative Universität

Attac will Ideen entwickeln, wie es besser geht. Altermondialisten nennen die Mitglieder sich gern, eine andere Welt sei möglich, hoffen sie. Jenseits festgefahrener ideologischer Korridore Modelle für gerechtes Wirtschaften zu finden: Das wär doch mal was. Etwa die Idee, Bürger an der Entscheidung über städtische Etats zu beteiligen wie in Frankfurt oder Potsdam: Sie kommt aus Porto Alegre, der Stadt des Weltsozialforums der Altermondialisten.

Da liegt die große Bedeutung der Attac: als Denkfabrik, als alternative Universität. Wer schon einmal auf Attac-Kongressen oder in Gipfelgegner-Camps die Scharen meist junger Menschen beobachtet hat, die konzentriert einem Referat über die Wasserversorgung von Managua zugehört oder über Islamophobie als aktueller Hauptform des Rassismus in Europa diskutiert haben, der wird nicht mehr von Politikverdrossenheit schwadronieren. Debatten ohne die Fesseln von Parteiprogrammen und ohne den kurzsichtigen Blick auf Wahltermine können sich hier entwickeln.

Die entstandenen Ideen müssen andere umsetzen. Attac regiert nicht, will und kann keine Partei sein. Die Bewegung hat kaum andere Einflussmöglichkeiten als Demonstrationen und Protestaktionen. Als Lobby ist Attac üppig finanzierten Profis wie der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft zwangsläufig unterlegen. Doch die Macht der Ideen hat sich in der Geschichte immer wieder gegen die Macht des Geldes durchgesetzt. Attac soll sich nicht auflösen. Attac soll feiern. Herzlichen Glückwunsch.

Autor:  Volker Schmidt
Datum:  22 | 1 | 2010
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