Wenn die Weltwirtschaftskrise etwas Positives gebracht hat, dann ist es die Entschlossenheit und Konsequenz, mit der Staaten gemeinsam gegen die Katastrophe gekämpft haben. Von Australien bis Europa, von China bis zu den USA haben sich alle Mächte in eine Richtung bewegt.
Überall stemmten sie sich mit nie gesehenen Konjunkturprogrammen und nicht für möglich gehaltenen Bankenrettungen gegen den Absturz. Ohne Übertreibung lässt sich ein Jahr nach Lehman bilanzieren: In der Stunde der größten Not ist die Menschheit zusammengerückt.
Der Multilateralismus triumphierte über alle Sonderinteressen. Das unterscheidet die Weltwirtschaftskrise des 21. Jahrhunderts von ihrem Vorläufer im 20. Jahrhundert, als nationale Egoismen die Welt ökonomisch wie politisch in den Abgrund führten.
Für diese historische Leistung dürfen sich die Staats- und Regierungschefs der 20 führenden Wirtschaftsnationen (G20) auf die Schultern klopfen, wenn sie auf dem Finanzgipfel in Pittsburgh über die Konsequenzen aus der Krise beraten. Doch in Pittsburgh zeigt sich, bei aller Freude über das Erreichte, keine heile Welt. Beim Löschen des Brandherdes sind sie alle miteinander auf den Feuerwehrzug gesprungen.
Doch weder gemeinsame Überzeugungen noch identische Interessen trieben George W. Bush und Hu Jintao, Wladimir Putin und Angela Merkel an. Es war die nackte Angst, allein von den Flammen überrollt zu werden. Ein Jahr später geht es nicht um Gefahrenabwehr, sondern um den Aufbau einer tragfähigen Wirtschaftsordnung. Und da tun sich die alten Gräben auf.
Ökonomisches Gewicht in politische Vorteile ummünzen
Die Briten und - trotz Barack Obama - auch die Amerikaner kämpfen für ihre Banker, für die City of London und die Wall Street. Die deutsche Regierung streitet für strengere Regeln, glaubt aber unverdrossen, mit den Ursachen der Krise nichts zu tun haben - nicht mit dem Spekulationswahn und erst recht nicht mit den Ungleichgewichten. Die Chinesen sind ohnehin mit ihrer eigenen Agenda angereist, die sich schlicht so zusammenfassen lässt: Führungs- und Machtanspruch demonstrieren, das gewachsene ökonomische Gewicht in politische Vorteile ummünzen.
Die Welt ist noch ein Stück komplizierter geworden, auch weil sich die Kräfteverhältnisse massiv verschoben haben. In der Krisenbekämpfung sind die G20 zum neuen Machtzentrum aufgestiegen, was ohnehin überfällig war, aber durch die dramatischen Ereignisse beschleunigt wurde.
Es ist ein Fortschritt, dass nicht mehr allein die G7 als Club der Reichen die Regeln unter sich ausmacht, sondern Schwellenländer wie Brasilien, Indien und vor allem China mit am Tisch sitzen. Selbst in ihrer Blütezeit in den 1970er und 80er Jahren stellten die G7-Staaten weniger als ein Fünftel der Weltbevölkerung, mittlerweile ist ihr Anteil auf ein Zehntel geschrumpft. Ökonomisch büßen sie durch den rasanten Aufstieg der Schwellenländer an Dominanz ein.
Eine Wohlstandsmehrung wie in China hat die Menschheit in diesem Tempo nie zuvor gesehen, nicht einmal in der industriellen Revolution in Europa. Es ist offensichtlich, dass diese tektonischen Verschiebungen auch die Institutionen erfassen müssen. Ohne den Inhaber der größten Währungsreserven und den Exportweltmeister oder Vizeweltmeister lässt sich über Wechselkurse und Ungleichgewichte plaudern, aber nicht sinnvoll verhandeln.
Real sind die G20. Gut, dass wir sie haben
Ein Manko ist bei den G20 offensichtlich: 170 Länder schließen sie aus. US-Präsident Barack Obama hat in dieser Woche mit seinem Auftritt den Vereinten Nationen Glanz verliehen. Doch selbst in diesen Tagen spielt die Musik nicht in New York, sondern in Pittsburgh. In der ganzen Krise sind die UN nur am Rande aufgetaucht. Alle Versuche, etwa mit der Stiglitz-Kommission Einfluss die Finanzmarktreform zu nehmen, liefen ins Leere.
Man mag das bedauern, weil die G20 keine demokratische Veranstaltung sind und nur die Gewinner der Weltwirtschaft einlassen. Andererseits repräsentieren die in Pittsburgh versammelten Staaten 90 Prozent der weltweiten Wirtschaftskraft und zwei Drittel der Erdbevölkerung. Ohnehin ist unverständlich, welche Hoffnungen auf mehr Demokratie sich auf eine Organisation richten, deren Macht nicht bei den Mitgliedern liegt, sondern in einem fünfköpfigen Sicherheitsrat, und in der 60 Millionen Franzosen mehr zu sagen haben als eine Milliarde Inder. Eine demokratische Weltwirtschaftsregierung bleibt mit oder ohne UN eine Illusion. Real sind die G20. Gut, dass wir sie haben.

Damir Fras ist unser US-Korrespondent
Olivia Schoeller berichtete zuvor aus Washington
Daniel Haufler ist Redakteur im Ressort Meinung
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