Die Nato ist in die Jahre gekommen. Sturm und Drang der Gründungszeit liegen genauso hinter ihr, wie eine schwere Identitätskrise nach dem Zusammenbruch des Warschauer Pakts. Inzwischen löst die alte Dame Probleme eher pragmatisch und unaufgeregt. Schließlich muss sie nach all ihren Erfolgen niemandem mehr etwas beweisen. Man muss deshalb nicht euphorisch rufen: Hurra, sie steckt voller Leben. Doch mit dem Stil der vergangenen Jahre hat sie all jene verstummen lassen, die bereits das Totenglöcklein läuten wollten.
Außerdem liegen noch spannende und schwierige Jahre vor ihr. Da ist zunächst die Suche nach einem Konzept, das allen 28 Mitgliedstaaten ein sinnvolles Ziel gibt und den verschiedenen Sicherheitsbedürfnissen gerecht wird. Die USA drängen das Militärbündnis in die Rolle eines Weltpolizisten.
Ob mit den oder ohne die Vereinten Nationen: viele in Washington würden weltweite Konflikte auch weiterhin mit militärischen Mitteln lösen. Zumindest wollen sie sich diese Option offenhalten. Mit dieser Sicht der Dinge stehen sie nicht allein. Auch einige Menschenrechtler wünschen sich ein eindeutigeres und letztlich robusteres Eingreifen in Krisenregionen - etwa im Sudan oder im Kongo.
Dieser Idee können vor allem Westeuropäer wie Deutschland und Frankreich nicht viel abgewinnen. Zum einen will keiner Teil einer möglicherweise blutigen Auseinandersetzung fern der Heimat werden. Zum anderen ist mindestens Berlin wegen der deutschen Geschichte dazu verpflichtet, Konflikte politisch zu lösen. Also sprechen Merkel & Co im Zusammenhang mit der Nato vom Verteidigungsbündnis, dem es gelungen ist, den Ost-West-Konflikt zu lösen ohne einen Schuss abgeben zu müssen.
Zu größeren Abenteuern ist der Nordatlantik-Pakt derzeit sowieso nicht in der Lage. Erst muss das Bündnis mit der internationalen Gemeinschaft in Afghanistan dem selbstgesteckten Ziel eines befriedeten Landes näher kommen. Und selbst wenn dies gelingt, dürfte die Lust der Akteure gering sein, so etwas zu wiederholen. Denn die Bilanz für den ersten Einsatz jenseits des ursprünglichen Einsatzgebietes fällt ernüchternd aus. Ähnliches gilt für den Einsatz im Kosovo. Dort ist es zwar nach dem Eingreifen der Nato ruhig geworden. Doch von einem funktionierenden und demokratischen Staat nach westlichem Muster ist das Land auf dem Balkan ebenfalls noch weit entfernt.
Im Fall Russland gehen die Interessen der Nato-Mitgliedstaaten ebenfalls weit auseinander. Washington will zwar mit Moskau über die Abrüstung von Atomwaffen verhandeln, nimmt aber deswegen nicht zu große Rücksichten auf Russland und hält weiter am geplanten Raketenabwehrsystem und an der Nato-Osterweiterung fest. Auch auf die Gefahr hin, dass die Ausdehnung das Bündnis ähnlich wie die EU zu einem großen Tanker macht. Die Westeuropäer wiederum wollen es sich mit den Russen wegen der Energiesicherheit nicht verscherzen und empfinden das Raketensystem als störend. Osteuropäer hingegen misstrauen Moskau zutiefst und gehen auf Distanz.
Doch trotz der scheinbar unlösbaren Probleme muss die alte Dame Nato nicht verzweifeln. Ihre Lebensversicherung ist: Keiner will auf sie verzichten, weil sie für Stabilität und Freiheit in Europa sorgt. Das sehen offensichtlich nicht nur die Staats- und Regierungschefs so. Auch die meisten Menschen in den Mitgliedstaaten verbinden eher Positives mit dem Pakt. Dies dürfte auch ein Grund dafür sein, warum es den Kritikern nicht gelingt, die Nato als kriegstreibende Kraft darzustellen. Der letzte massenhafte Protest gegen den Nato-Doppelbeschluss zu Beginn der 1980er Jahre ist jedenfalls lange her.
Ein weiterer Garant für das Überleben der Nato ist, dass die Europäer mit ihrem Projekt einer eigenen Armee und einer gemeinsamen Rüstungsindustrie nicht so schnell vorankommen, wie angekündigt. Mindestens bis dahin werden sie an einem Militärbündnis mit den USA festhalten.
Realistischer als ein neues Konzept für die Nato ist eine Reform des Bündnisses. Nicht erst der Ärger um den designierten Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen hat gezeigt: Über das Prinzip der Einstimmigkeit muss nachgedacht werden. Dafür ist das Bündnis mit 28 Mitglieder inzwischen zu groß. Aber Gemach. Eine alte Dame soll man nicht zur Eile treiben und zu viel darf man sowieso nicht erwarten. Oder um es mit einem geflügelten Wort zu sagen: Die Nato ist tot, es lebe die Nato.

Damir Fras ist unser US-Korrespondent
Olivia Schoeller berichtete zuvor aus Washington
Daniel Haufler ist Redakteur im Ressort Meinung
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