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20. Januar 2012

Leitartikel: Die neue Agrarwende

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Immer mehr landwirtschaftliche Flächen werden für die Treibstoffproduktion genutzt.  Foto: dapd/Archiv

Früher ging es bei der Produktion von Nahrung um Masse. Heute löst nur eine regionale, möglichst ökologische, Ressourcen schonende Erzeugung von Lebensmitteln unsere Probleme.

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Hähnchen aus dem Supermarkt, belastet mit Keimen, die jeder Medizin trotzen. Deutsche Bauern, die auswandern und riesige Farmen in Russland betreiben, welche historischen Assoziationen das auch immer auslösen mag. Die BASF sagt der Gentechnik in Europa adé und verlagert das Gen-Gewächshaus in die USA. Drei aktuelle Meldungen, die zeigen: 50 Jahre nach Beginn der gemeinsamen europäischen Agrarpolitik steckt die hiesige Landwirtschaft abermals im Umbruch, Bauern und Agrarpolitiker stehen vor völlig neuen Herausforderungen.

Tausende von Demonstranten werden am Sonnabend auf den Straßen Berlins rufen: Wir haben es satt. Denn der Klimawandel, die massiven Verluste der Artenvielfalt, der manchmal grundgesetzwidrige Umgang mit dem massenhaft im Stall gehaltenen Tier, die vielen Lebensmittelskandale, der brutale Arbeitsplatzabbau auf dem Land oder die verheerenden Arbeitsbedingungen von Tomaten- oder Beerenpflückern, all das belegt doch nur: Es muss etwas passieren, um den Irrsinn zu stoppen, der nicht einmal taugt, um den Hunger der Welt zu bekämpfen.

Werfen wir einen Blick zurück: Als Ausfluss der Römischen Verträge von 1957 begann Europa im Januar 1960 damit, die Landwirtschaftspolitik gemeinsam zu gestalten. Die Aufgabe bestand damals nicht darin, möglichst qualitativ hochwertige, nachhaltig erzeugte Lebensmittel zu produzieren, sondern die Menschen überhaupt erst einmal sattzubekommen.

Auf Masse getrimmt

Vielleicht begann mit dem Mangel das Unheil, und es mag aus heutiger Sicht grotesk klingen, doch unter den damaligen Umständen war es kaum anders denkbar: Die Landwirtschaft musste produktiver werden, sie wurde auf Masse getrimmt – auch weil damals Arbeitskräftemangel herrschte, die Firmen Bauern in die Fabriken lockten, setzte eine technische Revolution auf dem Land ein: Die Landwirtschaft wurde mechanisiert, rationalisiert und industrialisiert.

Das „Bauernlegen“, mit dem der erste Agrarkommissar Sicco Mansholt in die Geschichte einging, steht für diese Entwicklung. Der Staat half nach Kräften: mit Investitionsförderung, mit Preis- und Abnahmegarantien, mit der Flurbereinigung. Keiner scherte sich darum, dass mit der Intensivierung all jene Hecken, Moore, Bäume, Teiche verschwanden, die heute teuer und umständlich renaturiert werden sollen. Etwa wenn der jetzige EU-Agrarkommissar Dacian Ciolos plant, sieben Prozent der Äcker in ökologische Vorrangflächen zu verwandeln.

Mit dem Start vor 50 Jahren begann, was der Frankfurter Agrarwissenschaftler Hermann Priebe später die „subventionierte Unvernunft“ nannte: Milliarden wurden in den Aufbau eines Typs Landwirtschaft gesteckt, die Getreide- und Butterberge auftürmt. Schon damals profitierten nur die großen Bauern von den Milliarden-Gaben. Es war Geld, das für Überschussproduktion und eine „naturwidrige“ Spezialisierung mit hohem Einsatz technischer und chemischer Mittel vergeudet wurde. So sah es Priebe schon 1984.


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Kaum waren die erste Phase des Sattmachens und die zweite der Überschüsse bewältigt, setzte die dritte Welle ein – die Weltmarktorientierung. Marian Fischer Boel, Schweinebäuerin aus Dänemark und bis 2010 EU-Agrarkommissarin, agierte als Patin für eine Politik, die ganz nach dem Geschmack deutscher Agrarfunktionäre ausfiel: Wir ernähren die Welt. Dabei ist genau diese Philosophie längst als Irrweg enttarnt. Denn sie setzt auf Masse mit all den negativen Auswirkungen für Land und Tier – und damit für den Verbraucher, der letztlich, siehe Dioxin- und Antibiotika-Skandal, die Folgen dieser Fehlentwicklung mit einem hohen gesundheitlichen Risiko bezahlt.

Es grummelt

Noch schreitet die Industrialisierung auch der deutschen Landwirtschaft voran. Doch es grummelt. Verbraucher-, Natur-, Tier- und Klimaschützer warnen, und auch Agrarkommissar Ciolos hat die Zeichen erkannt: Ohne die Praxiswerdung seines Zauberworts vom Greening sind die vielfachen Entgleisungen nicht mehr zu bewältigen: Europas Landwirtschaft soll wettbewerbsfähig bleiben, aber sie muss grüner werden, denn Natur und Mensch dürfen nicht länger ausgebeutet werden.

Diese vierte Phase der europäischen Agrarpolitik zu starten, ist überfällig. Denn anders, als es uns Agrarfunktionäre glauben machen wollen, ist niemandem damit gedient, wenn Deutschland versucht, die Welt zu füttern. Alle ernsthaften aktuellen Studien zeigen: Die Produktion der Lebensmittel geschieht immer dann optimal, wenn sie möglichst nahe bei den Verbrauchern stattfindet. Und was für Entwicklungsländer gilt, das sollte in Teilen auch für unser Land gelten: Nur eine regionale, eine möglichst sogar ökologische, Ressourcen schonende, solargestützte Lebensmittelerzeugung löst unsere Probleme.

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