Zweitausendzehn - fasziniert starren wir in ein makellos blaues Firmament (jedenfalls rund um das Himmelreich Fraport, Freitag, 11.11 Uhr). Wir sehen nichts, und seltsam: Wir hören auch gar nichts. Aber wir wissen etwas: Eine unsichtbare dunkle Wolke aus dem kleinen Reich der Elfen und Fabelwesen hält tausendtonnenschwere Flugdrachen in ihrem Bann. Die Drachen kommen einfach nicht vom Boden los. Neben ihnen kampieren zu Millionen fluchend die Passagiere.
Goldgrafen haben das kleine Land der friedlich sprudelnden Geysire erst vor wenigen Jahren zu Boden gezwungen und ausgewrungen. Der Pleitegeier kreist seither mit schwarzen Schwingen über den Gletschern - da wehrt es sich schließlich aus seinem Innersten, das winz´ge Schattenland. Schießt glühend und fauchend und spotzend zurück. Die Welt steht stumm. Wir staunen.
Stell dir vor, es ist Flughafen, und keiner fliegt hin. Stell dir vor, du liegst an einem Freitagmorgen im Großraum Fraport im Bett und hörst keinen Fluglärm. Alles hat man schon erlebt. Stürme, Hitze, Kälte, lahmgelegte Mobilfunknetze, Menschen auf dem Mond, Spanngurte auf der Autobahn, kleine Kobras allein zu Haus - aber doch nicht diese Ruhe. Keinen Fluglärm, so etwas gibt es doch gar nicht. Stell dir bitte einmal vor, es ist Fußball-Bundesliga, und die Fans haben Angst vor Spielausfällen. In Deutschland. Weil ein Vulkan ausgebrochen ist. Unvorstellbar. Aber wahr.
Da wird man doch tatsächlich die Bahn nehmen müssen, um von A nach B zu gelangen. Wie damals! Fast könnte man sich ein Butterbrot für die Fahrt schmieren. Ist das verrückt. Die Menschen kennen kaum ein anderes Gesprächsthema. Raucherwitze sind seit dieser Woche wieder so aktuell wie zu Zeiten der Diskussion übers Nichtraucherschutzgesetz, vulgo Kneipenfeger. Bitte sehr: Dass Rauchen ungesund ist, wusste Dänemarks Monarchin Margrethe (Spitzname: Aschenbecher-Königin) schon, bevor Ihr ein gewisser Eyjafjallajökull aus Island überschwänglich und viel zu früh zum 70. Geburtstag am Freitag gratulierte. Kettenraucher unter sich. Das haben sie jetzt davon: Allerlei Königspaare müssen ihre Anreise zum Geburtstagsfest in Kopenhagen abblasen. Und dieser Eyjafjallajökull wird ganz sicher auch nicht zu Margrethes Achtzigstem eingeladen. Das kann er in der Pfeife rauchen.
Wir haben gut scherzen - immerhin ist bisher niemand ernsthaft zu Schaden gekommen. Ja, Finanzplatzhirsche und Flugbefähigungsunternehmen zählen die Millionen, die ihnen gerade durch den Schornstein qualmen; körperlich wehgetan hat der Vulkan noch keinem. Das besorgen die Urlauber selbst, die sich Mallorca und Malibu aus dem Kopf schlagen. So schnell wird das nichts mehr. Und Fensterplätze im Zug nach Meran sind auch schon knapp.
Aber im Ernst, unsere Welt steht himmlisch still: Wer hat das je mit solch vergleichsweise friedlichen Mitteln geschafft wie Eyjafjallajökull, der Inselberggletscher mit dem heißen Keller? Die Ölkrise holte unsere Autos von der Straße. Ein paar Sonntage lang. Das hat damals der Mensch gemacht. Und nichts daraus gelernt. Generationen von Flughafenausbau- und Fluglärmgegnern kämpften aufopferungsvoll, aber vergebens. Wald blockiert - die Flotte fliegt weiter. Petitionen, Protestwahlen, Pistolenschüsse - die Piloten starten ungebremst im Sekundentakt.
Und jetzt das. Es ist eine nordische Saga wie aus der Märchentruhe. Während die Menschen ihr Süppchen kochen, spuckt der Troll aus der Tiefe ihnen kräftig hinein. Das geschundene Island befindet sich seit kurzem im Anflug auf die Europäische Union. Die Landeerlaubnis ist noch keine beschlossene Sache, aber das Fahrwerk ist schon beinahe ausgeklappt. Sollte die unsichtbare Wolke uns auch eine Warnung sein? Wird sie Wirkung zeigen? Und wenn ja, wenn die EU sich offenherzig und großzügig gegenüber Island zeigt, und das wird sie ganz bestimmt - was macht das dann eigentlich mit unseren griechischen Freunden? Die Sache mit der europäischen Geldspritze ist ja jüngst gerade noch einmal gutgegangen. In der nächsten Runde könnte der Ton schärfer werden. Wir wollen ja nicht den Tofu an die Wand malen, aber lassen Sie sich das ruhig einmal auf der Zunge zergehen: Tsatsiki-Tsunami. Oder mit Blick auf die nächsten Sorgenkinder: Portweinplage.
Übrigens, kleiner Tipp von uns, wenn das Flugzeug wieder einmal nicht kann: Vulkanier lassen sich beamen.

Damir Fras ist unser US-Korrespondent
Olivia Schoeller berichtete zuvor aus Washington
Daniel Haufler ist Redakteur im Ressort Meinung
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