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Leitartikel: Die Zukunft planen

Gefordert ist eine Politik, die sozial abgehängte Viertel nicht hinnimmt, sondern auf die Stärken Einzelner und das Miteinander Aller setzt. Von Susanne Schmidt-Lüer

Susanne Schmidt-Lüer ist Lokalredakteurin der Frankfurter Rundschau.
Susanne Schmidt-Lüer ist Lokalredakteurin der Frankfurter Rundschau.
Foto: FR

Wer in den Hochhäusern im Niederräder Mainfeld eine Klingel sucht, tut gut daran, Stockwerk und Wohnungsnummer zu kennen. Sonst irrt der Blick immer wieder über die vielen schwarz beschrifteten Metallplättchen, sucht das richtige unter 105 Namensschildchen, die sich auf 15 Geschosse mit jeweils sieben Wohnungen aufteilen. Anonym und unübersichtlich lebt es sich in solchen Wohnhochhäusern, ganz gleich, ob sie in Köln-Chorweiler, Hamburg-Steilshoop - oder eben in Frankfurt-Niederrad stehen. Große und kleine Geschwister sind das, allesamt in den 70er Jahren hochgezogen. Eine Antwort auf die beengten Wohnverhältnisse der Nachkriegszeit.

Die Mainfeld-Bebauung, vor drei Jahrzehnten unter Arbeitern und Angestellten, aber auch unter Ärzten der nahen Uniklinik begehrt, ist heute nicht mehr zeitgemäß. Der Wohlfühlfaktor, den Architekt Christoph Mäckler für städtische Quartiere einfordert, ist hier Fehlanzeige. Wer als alter Mensch mit dem Rollator gute zehn Minuten braucht, um den öffentlichen Nahverkehr zu erreichen, weil sich eine Busverbindung hin zu den Bewohnern des Mainfelds nicht lohnt, fühlt sich abgehängt. Ebenso Jugendliche, die dort sechs Jahre lang auf einen Jugendtreff warten mussten.

Genau dies zu vermeiden, sollte aber das Ziel einer Stadtpolitik sein, die die Zukunft mit allen Einwohnern plant. Die sozial abgehängte Viertel nicht hinnimmt, sondern auf das Miteinander Aller setzt. Eine Stadt, die ihre Identität darin sucht, die Bewohner auf vielen Feldern zu aktivieren. Zuerst in der Nachbarschaft, dann im Stadtteil und schließlich für das Große und Ganze. Die sich angesichts ständiger Wandlung für die Zukunft rüsten muss. Soziale Brennpunkte gibt es nach Meinung von Experten nicht in Frankfurt - noch nicht, weil die Durchmischung der Bevölkerung noch stimmt. Dennoch häufen sich die Zeichen, dass Armut wächst - in bestimmten Stadtteilen. Das Gallusviertel zählt ebenso dazu, wie der Riederwald oder Fechenheim. Hohe Arbeitslosigkeit, viele Kinder, viele Alleinerziehende und Einwandererfamilien sind Stichworte dafür.

32 Wohngebiete mit verdichteten Problemlagen machte die Sozialraumanalyse des Sozialdezernats 1997 aus; die Zahl wuchs bis zum Jahr 2000 auf mehr als 40 an. Seitdem steuert die Stadt mit dem bundesweit bisher einmaligen kommunalen Programm "Frankfurt Soziale Stadt, Neue Nachbarschaften" dagegen. Frankfurt setzt auf die Selbsthilfepotenziale der Bewohner, quer durch alle Quartiere. Der Magistrat tut gut daran, diese Fähigkeiten zu stärken. Doch das allein reicht nicht. Bauliche Veränderungen müssen hinzukommen, denn die gebaute Umwelt beeinflusst unser Empfinden in einem Maße, das immer noch gänzlich unterschätzt wird.

Autor:  SUSANNE SCHMIDT-LÜER
Datum:  25 | 10 | 2008
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