Tür zu, Kinder draußen. Wenn heute wieder städtische Kitas geschlossen bleiben, dann hat das vielen Eltern schon Tage vorher Schweißperlen auf die Stirn getrieben, weil plötzlich die Betreuung futsch ist. Sie müssten aber noch viel mehr ins Schwitzen kommen, wenn die Erzieherinnen nicht auf die Straße gingen. Denn bleibt in den rund 50 000 deutschen Tageseinrichtungen (darunter 17 000 kommunale) alles beim Alten, dann gerät die frühkindliche Bildung aufs Abstellgleis - allen wohlklingenden Appellen zum Trotz.
Es ist Wahlkampf und das Kind und sein Wohlergehen in aller Munde. Bildung kommt raus aus der Nische, in der sie normalerweise geparkt wird. Vom Bildungssoli über die Ganztagsschule bis zu beitragsfreien Kindergärten und neuen Krippenplätzen wird wieder alles im Angebot sein, was das Wählerherz begehrt. Familienministerin von der Leyen (CDU) hat den Anfang gemacht und sich wortreich auf die Seite der Streikenden geschlagen. Die Kitas brauchten mehr Geld, mehr Qualität und bessere Karrierechancen fürs Personal, skandiert die Betreuungsfee aus Berlin. Dass sie als Bundesministerin allein weder die fehlenden Plätze für unter Dreijährige, noch einen besseren Betreuungsschlüssel, geschweige denn einen Qualitätssprung in der Ausbildung herbeizaubern kann, sagt sie lieber nicht . Die Wahrheit ist: Nur wenn Bund, Länder und Kommunen an einem Strang ziehen, kommt die frühkindliche Betreuung bundesweit voran.
Auf dem Papier ist sie tatsächlich schon mit Sieben-Meilen-Stiefeln unterwegs. Liest man die diversen Bildungspläne, die mittlerweile in fast allen Bundesländern den Kurs vorgeben sollen, dann machen frisch geschulte Erzieherinnen ernst mit individueller Förderung, in den Einrichtungen sprießen Mathe- und Physiklabore wie Pilze aus dem Boden. Jedes Kind lernt gutes Deutsch und - wenn Papi und Mami es so wollen - auch noch Englisch. Außerdem sind Kindergärten und Grundschulen bereits zu einer symbiotischen Einheit verschmolzen und der Übergang vom Kita-Spiel zum Schul-Spaß ist fließend.
Noch Wünsche offen? Ach ja, die Betreuungsplätze für die Kleinsten. Auch hier meldet das Familienministerium Erfolge: Seit das Kinderförderungsgesetz von 2008 gilt, wurden in westdeutschen Städten und Gemeinden 66 000 zusätzliche Angebote für unter Dreijährige geschaffen. Und bis 2013 soll es noch besser werden. Dann wird angeblich jedes dritte Kleinkind in einer Krippe oder von einer Tagesmutter betreut - und soll darauf sogar einen Rechtsanspruch haben, sobald es ein Jahr alt ist.
Die Realität in den deutschen Kindertagesstätten sieht anders aus. Schon jetzt suchen vor allem Großstädte wie Frankfurt oder München händeringend nach Personal. Stellen bleiben deshalb lange unbesetzt, so dass die Gruppengröße in den Kitas ebenso steigt wie der Stresspegel für Erzieherinnen. Gleichzeitig sinkt die Qualität der Betreuung. Die Prognosen für die nächsten Jahre sind nicht besser. Die Gewerkschaft Bildung und Erziehung befürchtet, dass die Qualität weiter sinkt, weil erzieherinnen fehlen. Statt auf eine akademische Ausbildung des Personals zu achten - wie sie in anderen europäischen Ländern längst Standard ist und heute auch von vielen deutsche Hochschulen angeboten wird - jagen sich künftig Krippen und Kindergärten gegenseitig das Personal ab. Hauptsache die Stellen sind besetzt.
Wer aber aus der Betreuungsanstalt eine Bildungseinrichtung machen will, der muss anders vorgehen. Deshalb ist der Kita-Streik so wichtig. Man wundert sich, warum die Erzieherinnen so lange brav stillgehalten haben auf ihren schlecht bezahlten Teilzeitstellen. Ein Großteil sicher aus Lieben zum Kind. Die ein oder andere aber wohl auch, weil sie lieber ihre Zeit absitzt und einer altmodischen Verwahr-Pädagogik nachtrauert, statt auf mehr Gehalt und Fortbildung zu dringen - und dafür auch mehr Leistung zu bringen.
Weniger Lärm, kleinere Gruppen, eine bessere Bezahlung sind erste Schritte, den Beruf aufzuwerten. Weit genug gehen sie nicht: Auch Privilegien müssen fallen! Wenn es stimmt, dass in den ersten Jahren der Schlüssel zum späteren Bildungserfolg liegt, lässt sich nicht länger rechtfertigen, dass Erzieherinnen und Grundschullehrer am untersten Ende, Gymnasiallehrer am oberen Ende der Gehaltsskala rangieren. Wer sich traut, hier umzusteuern, der könnte einen wirklichen Wandel anstoßen. Und den Eltern blieben künftig Schweißausbrüche erspart: Tür auf, Kinder rein!

Damir Fras ist unser US-Korrespondent
Olivia Schoeller berichtete zuvor aus Washington
Daniel Haufler ist Redakteur im Ressort Meinung
Countdown für Obama - das Weblog zur US-Wahl
Seit Februar 2010 laufen Bauarbeiten am Stuttgarter Bahnhof. Diskussion, Hintergründe, Fotostrecken und mehr im FR-Spezial.
FR-Online.de möchte Lesern unter vielen Texten zielführende Diskussionen ermöglichen. Die Redaktion prüft Beiträge in verschiedenen Verfahren.