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Leitartikel: Ein Fußball-Scharlatan

Jürgen Klinsmann ist gescheitert am faulen Ballzauber, am Streben nach einem Weltverein ohne Bodenhaftung. Was die Finanzkrise lehrt, gilt auch fürs Fußballfeld. Von Rouven Schellenberger

Rouven Schellenberger ist Chefredakteur der Frankfurter Rundschau.
Rouven Schellenberger ist Chefredakteur der Frankfurter Rundschau.
Foto: FR

Manchmal ist der Fußball nicht nur ein kleines Spiegelbild der großen Welt. Im Fall Jürgen Klinsmann und des FC Bayern München ist er sogar ein wahres Lehrstück. Das Stück erzählt von großer, grenzenloser Gier, von Verlockungen und Versprechungen und dem harten Aufprall auf dem Boden der Wirklichkeit. Oh, Sie kennen die Geschichte schon? Sie denken an die Zocker an den Börsen oder den AnlageGuru Ihrer Hausbank? Dann liegen Sie gar nicht so falsch. Auch Jürgen Klinsmann verkaufte Träume, die nun geplatzt sind. Und auch er tut so, als wisse er gar nicht, wie ihm geschieht.

Vielleicht ist der FC Bayern München in der Bundesliga das, was die Deutsche Bank innerhalb der Deutschland AG ist. Ein Unternehmen unter besonderer Beobachtung, das man entweder mit großer Zuneigung oder innigster Verachtung begleitet. Geliebt oder gehasst. Ein Unternehmen, dessen Führungspersonal einen immer wieder zur Weißglut bringt, das aber zugleich immer ernst genommen wird, weil es sich nie mit Mittelmaß zufrieden geben mag. Weil es ihm nicht reicht, in Deutschland die Nummer 1 zu sein. Ein solcher Laden neigt dazu, großen Versprechungen zu erliegen, mit dem er die großen Visionen verkaufen kann, die sein Geschäftsmodell tragen. Das Versprechen von einer 25-Prozent-Rendite zählt dazu ebenso wie der gleichzeitige Gewinn der Champions-League, der deutschen Meisterschaft und des DFB-Pokals. Weniger zählt nicht.

Klinsmann war der Mann für diese Versprechen. Er sollte seine unglaubliche und offenbar auch unglaublich glückliche Erfolgsgeschichte aus dem verfilmten Weltmeisterschaftsjahr fortführen und dem FC Bayern München zu einem ewigen Sommermärchen verhelfen. So hatten sie sich das gedacht in München. Der neue FC Bayern wollte sich abheben von der Biederkeit der Bundesliga. Weit weg von Cottbus und Bielefeld. Ein totalrenovierter Verein von Welt wollte dieser FC Bayern sein. Mit Spielern, die Erfahrungen übernehmen aus den USA, vom Basketball und American Football. Spielern, die neben der Bananenflanke Spanisch lernen sollten. Nach dem Training, in der Lounge. Ein Fußball-Verein, dessen Philosophie ein bisschen erinnerte an die schöne Zeit des Neuen Marktes, als die Menschen zwischen Rückenmassage am Computer und der kleinen Tischtennis-Pause geschwind ein paar Millionen machen wollten. Wir wissen, was daraus geworden ist.

Das Gleiche ist nun aus Klinsmann geworden. Natürlich ist der Trainer des FC Bayern auch an ganz profanen Fußballschicksalhaftigkeiten gescheitert. An der Verletzung eines Miro Klose, ohne den nicht viel geht im Sturm. Am Fehlen eines rechten Verteidigers von Weltrang. An einem Torhüter, der seinen Vordermannen keine Sicherheit vermitteln konnte, weil er zu viel mit sich zu kämpfen hatte - und mit seinem Trainer.

Vor allem aber ist Jürgen Klinsmann gescheitert, weil seinem Konzept, seiner Philosophie, seinen Unternehmensberater-Anweisungen der goldene Boden fehlte: gutes Handwerk. Das verbindet ihn mit all den Investment-Bankern, die glaubten, die alten Kaufmannsregeln seien in der schönen, neuen Finanzwelt außer Kraft gesetzt. Die Wirtschaft hat uns in diesem Jahr gelehrt, dass so etwas nur eine Weile gutgehen kann. Der Fußball hat dies nun auch getan.

Anders als ein Nationalteam bei der WM lässt sich eine Bundesligamannschaft in der Regel nicht ein Jahr lang in einen Rausch versetzen. In ihren nüchternen Momenten muss sie sich auf ihre grundlegenden Fertigkeiten besinnen: auf die richtige Taktik, eingeübte Spielzüge. Das aber war nicht die Welt des Trainers Jürgen Klinsmann. Für die Kompetenz waren andere zuständig, seine Co-Trainer, wie einst bei der WM. Und er merkte nicht, dass ihm selbst nur noch der Weg in die Scharlatanerie blieb. Seine Philosophie war nicht falsch, sie hätte womöglich funktionieren können. Aber nur mit gutem Fußball-Handwerk, und nicht als Ersatz desselben.

Perfektioniert wird die Parallele zum traurigen Wirtschaftsleben durch die bayerischen Würdenträger Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge, die das Klinsmann-Engagement so lange offensiv verantworteten, wie es gutging. Dann rückten sie Stück für Stück von ihrem Mann ab und schwiegen. Und am Ende machen sie es so wie die meisten Wirtschaftsführer, die ihr Unternehmen in die Krise geritten haben. Sie übernehmen die volle Verantwortung - und bleiben einfach sitzen.

Autor:  ROUVEN SCHELLENBERGER
Datum:  27 | 4 | 2009
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