Ich würde nicht woanders leben wollen. Schon gar nicht in meinem Herkunftsland. Man lernt die Verhältnisse hier zu schätzen, wenn man die Alternative stets anschaulich vor Augen hat. Man muss sich aber nicht entscheiden. Man muss nicht für das Eine sein und das Andere verdammen. Manchmal sind mir die Aussagen heutiger Politiker aus dem Osten etwas peinlich, wenn sie ihr altes Land, die DDR, so überdeutlich kritisieren. Das ist für mich öffentliche Erniedrigung von Menschen, die wissen, dass von ihnen Dankbarkeit erwartet wird, dass es der leichtere Weg ist zu sagen, ja, es war alles furchtbar. Man muss auch großzügig reagieren können, wenn ein ehemaliger DDR-Bürger gesteht, dass er einiges vermisse. Man muss auch großzügig reagieren, wenn ein Deutscher, der früher mal ein Iraker oder Türke war, sagt, dass er das andere Land auch noch mag. Da muss man nicht gleich klugscheißern, ja, aber die Menschenrechte, die Gefängnisse, die Gewalt. Und man muss nicht gleich beleidigt sein, weil der andere einem nicht auf Knien entgegenkriecht und ein Veilchen als Zeichen von Bescheidenheit überreicht.
Wenn wir uns darüber einig sind, dass die Bundesrepublik ein gutes Land ist, dann sollten wir mutig sein und uns öfter darüber unterhalten, was genau das Gute ist. Ich kann diese Frage sehr schnell beantworten. Es sind die Meere im Norden und die Berge im Süden. Es sind die verschiedenen Dialekte. Die vielen Museen und Theater. Die Konzertsäle. Die Zeitungen. Die Bibliotheken. Die Parlamente. Die botanischen Gärten. Die putzigen mittelalterlichen Schaudörfer. Die Jahrmärkte. Die Biergärten. Die ordentlich gekachelten Hallenbäder. Die Kultur des Verhandelns.
Man kann über dieses Land lästern. Es ist auch gar nicht schwer, im gleichen Tempo aufzuzählen, was schlecht ist. Doch eines kann man sicher nicht behaupten: Dass dieses Land sich nicht verändert habe. Dafür braucht man nicht mal den Maßstab europäischer Nachbarstaaten. Die Bundesrepublik hat ihr eigenes Tempo, ihr eigenes Fieber, ihre eigene Schrittgeschwindigkeit. Wenn nur jetzt, an diesem Tag, sich heute alle darüber verständigen könnten, dass die Bundesrepublik Deutschland über eine Bevölkerung verfügt, die gemischter und unterschiedlicher nicht sein könnte, dann wäre ich überaus froh. Dass wir multireligiös, multibiografisch, multiweltanschaulich, multiirgendetwas sind, ist keine Ansichtssache. Das ist kein Wunsch oder eine Frage der Interpretation, das ist so. Wenn wir selbstbewusst darauf hinweisen und es als etwas Gutes definieren und die bisherigen Errungenschaften als Summe der Anstrengungen aller dieser Menschen anerkennen, würden viele unserer Diskussionen anders verlaufen.
Wenn wir Deutschen aufhören, Dankbarkeit zu erwarten, und stattdessen Dankbarkeit zeigen für das, was Millionen Menschen aus vielen verschiedenen Ländern bei uns geleistet haben, dann wäre einer der größten Knoten geplatzt. Die Bundesrepublik Deutschland ist deshalb so gut, weil ihre Bewohner nicht homogen sozialisiert sind. Wir sollten uns ganz bald an diesen Gedanken gewöhnen. Denn wenn es stimmt, dass wir schon bald eine neue Identität als Europäer bekommen werden, wird es uns leichter fallen, das Neue anzunehmen, wenn wir das Alte sorgfältig eingeordnet haben. Unsere Wurzeln unter der Oberfläche werden nämlich bleiben, was sie sind, ein kompliziertes, aber schönes Geflecht.
Mely Kiyak ist freie Autorin.

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