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14. Februar 2012

Leitartikel: Ein Leistungssystem für Professoren ist nötig

 Von Torsten Harmsen
Silentium! Professor und Medizinstudenten an der Universität Leipzig.  Foto: dapd

Die bisherige Zulagenverteilung an Hochschullehrer sichert nicht die gewünschte Klasse in Forschung und Ausbildung. Eine Reform muss Extra-Zahlungen einklagbar machen.

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Die bisherige Zulagenverteilung an Hochschullehrer sichert nicht die gewünschte Klasse in Forschung und Ausbildung. Eine Reform muss Extra-Zahlungen einklagbar machen.

Die Besoldung junger Professoren in Hessen ist so niedrig, dass es der Verfassung widerspricht. Dieses Urteil, das das Bundesverfassungsgericht am Dienstag nach der Klage eines Marburger Uni-Professors fällte, hat bundesweite Folgen. Vor allem aber wirft es eine Debatte wieder an, die man eigentlich vor sieben Jahren für beendet erklärt hatte.

Damals reformierte der Bund die Professorenbesoldung unter anderem mit der Begründung, dass endlich Wettbewerb und Leistung an der Universität gefördert werden müssten. Das Grundgehalt sank um 25 Prozent. Die Erhöhungen mit steigendem Dienstalter wurden abgeschafft. Über Leistungszulagen sollten Professoren künftig ihr Gehalt kräftig aufstocken können. Man sah darin eine Chance für junge, engagierte Professoren.

Die Berichte aus dem „warmen Sumpf der Universität“ klangen damals schlimm. Die Rede war von vielen sogenannten Di-Mi-Do-Professoren, die nur in der Wochenmitte mal in der Uni vorbeischauten, studentische Prüfungsarbeiten von Assistenten bewerten ließen, für die Studierenden kaum zu sprechen waren, seit Jahrzehnten immer dieselben Vorlesungen herunterleierten oder seichte Publikationen schrieben.

Risikoreicher Weg zur Professur

Mit diesem Mittelmaß sollte endlich Schluss sein. Erstklassige Publikationen, herausragende Lehre, gute Nachwuchsbetreuung, Vorträge in- und außerhalb der Universität – all dies sollte belohnt werden. Das Urteil des Bundesverfassungsgericht scheint diese gute Entwicklung zu bremsen und mit der Forderung nach höherem Grundgehalt das Mittelmaß wieder zu fördern.

Doch so einfach, wie es aussieht, ist es nicht. Zwar hat die Besoldungsreform in den Jahren einiges in Bewegung gebracht. Viele junge Forscher erhielten als Juniorprofessoren eine Chance, Leistungen wurden gefördert. Aber eine grundlegende Umwälzung fand an den Unis nicht statt. Weil die Reform halbherzig war.
Mit ihr sollten Prinzipien der freien Wirtschaft auf die Unis übertragen werden. Zugleich aber änderte sich nichts Grundlegendes am rigiden System der Hackordnung und internen Abhängigkeit, die durchaus auch vielversprechenden, leistungsstarken Nachwuchs am Hochkommen hindert.

Der Weg zum Professor ist höchst risikoreich. Man forscht und lehrt jahrelang auf unbefristeten Stellen, ist dabei abhängig von einem Doktorvater, promoviert, habilitiert, bewirbt sich. Ob man irgendwo berufen wird, ist ungewiss. Die meisten jungen Professoren sind jenseits der Vierzig. Sie haben sicherlich als Beamte mit mindestens 50.000 Euro pro Jahr und Pensionsanspruch keinen Grund zum Jammern. Dennoch verdienen sie oft weniger als ihnen untergeordnete Beamte, Richter oder altgediente Gymnasiallehrer.

Zulagen sollten einklagbar sein

Das neue System aus Grundgehalt und Leistungszulagen sollte eigentlich den Wettbewerb ankurbeln und dazu beitragen, die sogenannten besten Köpfe zu gewinnen. In Wahrheit aber geht es bei dem Geld, das Professoren bekommen, oft gar nicht um Leistung. So herrscht schon im W2-Grundgehalt, um das es in der Klage ging, ein bundesweites Gefälle von 550 Euro; in Berlin gibt es am wenigsten, in Baden-Württemberg am meisten. Ob man dieses Geld bekommt oder nicht, hängt also lediglich davon ab, wo man zufällig Professor geworden ist.

Auch zwischen den Fächern gibt es große Unterschiede. In der Medizin oder der Wirtschaft lassen sich weit höhere Drittmittel für die Universität gewinnen als in den Geisteswissenschaften. Das schlägt sich direkt auf Leistungszulagen nieder. Gewiss kann man auch in der Lehre engagiert sein. Oder als nebenamtlicher Dekan arbeiten, wofür es dann vielleicht 300 Euro im Monat zusätzlich gibt. Doch dies alles ist nichts, verglichen mit dem, womit Top-Leute ihr Geld machen.

Es sind Hunderttausende Euro, die Management-Professoren, Mediziner oder Juristen in der freien Wirtschaft durch Gutachten oder Vorträge verdienen. Nichts davon fließt an die Universität. Im Gegenteil: Die oft ohnehin vom Staat hoch bezahlten Leute schaufeln sich die Zeit für ihre Nebenverdienste frei, indem sie ihre Uni-Verpflichtungen einschränken.
Dies betrifft gewiss nur einen kleinen Teil der 40.000 Professoren. Aber auch über diesen muss man reden. Ebenso darüber, dass vieles, was für Leistungen ausgegeben werden soll, Verhandlungsmasse ist. Da droht ein Professor, in die Wirtschaft abzuwandern – schon bekommt er höhere Bezüge. Damit er bleibt. Ein Fach will einen Professor aus den USA berufen – und verbraucht das gesamte Geld für Leistungszulagen.

Um das zu vermeiden, sollten Zulagen künftig einklagbar sein. Für jeden Professor. Erst dann ist es wirklich ein System, das Leistungen fördert.

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