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Leitartikel: Ein Virus mutiert

Die Schweinegrippe breitet sich aus. Noch sind die Opferzahlen gering, aber die Veränderungen von H1N1 sind beunruhigend. Vor allem junge Menschen sind gefährdet. Von Karl-Heinz Karisch

Karl-Heinz Karisch ist Wissenschaftsredakteur der Frankfurter Rundschau.
Karl-Heinz Karisch ist Wissenschaftsredakteur der Frankfurter Rundschau.
Foto: FR

Die fußballverrückten Argentinier bangen. Falls sich die Schweinegrippe weiter so explosionsartig im Land ausbreitet, will die Regierung sportliche Großveranstaltungen verbieten. Die Klubs der ersten Liga müssten dann am kommenden Sonntag vor leeren Rängen kicken. Gesundheitsexperten rügen bereits, Buenos Aires habe viel zu spät auf die Epidemie reagiert. Alles nur Panikmache, meinen die anderen. Bislang seien die Infektionen durch das H1N1-Virus extrem mild verlaufen.

Weltweit sind derzeit mehr als 70 000 Menschen infiziert; 311 sind nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) gestorben. Die meisten Opfer gab es auf dem amerikanischen Kontinent, doch auch in Großbritannien breitet sich die Schweinegrippe derzeit massiv aus.

Die Opferzahlen sind im Vergleich zu gewöhnlichen Grippe-Epidemien tatsächlich gering, die jährlich allein in Deutschland mehrere tausend Todesopfer verursachen. Eine Übervorsicht der Gesundheitspolitiker ist dennoch berechtigt. Denn das Virus H1N1 hat einen berüchtigten Vorfahren: den Erreger der Spanischen Grippe, die ab 1918 bis zu 50 Millionen Menschen das Leben kostete. Dieses Virus ist nach neuesten Erkenntnissen der Stammvater sämtlicher Influenza-A-Viren, zu denen auch die Schweinegrippe gehört. Seine Nachkommen haben sich immer raffinierter an die menschlichen Wirte angepasst. Denn ein toter Wirt ist ein schlechter Wirt.

Das Virus muss den Menschen möglichst lange leben lassen, damit er viele andere Menschen anstecken kann. Das ist natürlich kein geplantes Programm, sondern ergibt sich aus der evolutionären Entwicklung. Der besser Angepasste hat bessere Überlebenschancen, in diesem Fall bislang das Schweinevirus.

Es gibt mehrere Gründe, die die Infektionsmediziner - und damit auch die Politiker - stark beunruhigen. Obwohl das Virus fälschlicherweise Schweinegrippe getauft wurde, gab es bislang nur einzelne infizierte Schweine. Nach einem Fall in Kanada haben sich jetzt aber gleich mehrere Schweine in einem Mastbetrieb bei Buenos Aires infiziert. Das gilt als problematisch, weil Schweine in der Lage sind, sowohl tierische - etwa von Vögeln - als auch menschliche Grippeviren gleichzeitig zu beherbergen.

Da Grippeviren in der Lage sind, ihre Erbsubstanz leicht auszutauschen, entstehen so völlig neue Varianten - mit möglicherweise aggressivem Potenzial. Auch die Spanische Grippe von 1918 war hochinfektiös, aber zunächst harmlos. Sie wandelte sich erst nach einer Pause zum Killer-Virus. Da derzeit auf der südlichen Erdkugel Winter herrscht, gibt es dort hervorragende Bedingungen für die Entwicklung neuer gefährlicher Virustypen. Und eine weitere Gemeinsamkeit mit der Spanischen Grippe gibt es: Sogar körperlich gesunde junge Menschen werden nicht nur besonders leicht infiziert, sie sterben auch erschreckend häufig daran.

Experten der WHO beraten derzeit im mexikanischen Cancún, wie die Pandemie auf der Südhalbkugel der Erde eingedämmt werden kann. Ein Problem ist die Verteilung eines Impfstoffs, der ab Herbst zur Verfügung stehen soll. Deutschland steht bei der Vorbereitung auf einen möglichen massiven Ausbruch der Schweinegrippe nach Ansicht von Experten inzwischen sehr gut da. Länder und Bundesregierung haben bereits ausreichende Mengen von Antigrippe-Medikamenten eingelagert. Nach der WHO-Tagung sollen in der kommenden Woche auch die Impfstoffe bestellt werden. Die Versorgung ist hier gesichert, weil bereits Vorverträge mit den Impfstoff-Produzenten abgeschlossen worden sind. Parallel wird an einem nationalen Impfplan gearbeitet. Denn während sonst vor allem ältere Menschen geimpft werden, beträgt das Durchschnittsalter der Betroffenen in Deutschland derzeit 23 Jahre.

Wie wichtig die Schweinegrippe in Berlin genommen wird, hat der Besuch von Kanzlerin Merkel und Bundesgesundheitsministerin Schmidt im Robert Koch-Institut gezeigt. Zu recht hat die Ministerin dabei darauf hingewiesen, dass die öffentlichen Gesundheitssysteme angesichts der enormen Kosten für Medikamente und Impfstoffe nicht zum Spielball der Pharmaindustrie werden dürften. Europaweite Lösungen anzustreben, wäre angesichts der Tatsache, dass Medikamente in Deutschland besonders teuer sind, eine gute Idee. Dass viele arme Länder von einer ausreichenden Versorgung im Notfall weit entfernt wären, das muss auch bei dieser Pandemie beklagt werden.

Autor:  KARL-HEINZ KARISCH
Datum:  1 | 7 | 2009
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