Siebenhundertvierundachtzig Tonnen Antibiotika pro Jahr braucht die deutsche Landwirtschaft um Hühner, Schweine und Kälber zur Schlachtreife zu bringen. Sie sind gewissermaßen das Schmiermittel der industriellen Fleischproduktion. Derlei Wahrheiten sind unappetitlich. Weder möchte man sich vorstellen, dass jeder Broiler aus der Grillstation eigentlich als chronisch krankes Federvieh auf dem Teller landet, noch will man wissen, dass die tonnenweise Verabreichung von Antibiotika in der Hühner-, Schweine- und Kälberzucht resistente Keime züchtet, die am Ende im Frikassee überdauern.
Was uns schmeckt, ist das unterhaltsam zubereitete Steak à la Alfredissimo, in die Pfanne gehauen von Tim Mälzer und gewendet von Cornelia Poletto oder Alfons Schuhbeck. Letztere finden auch Klebeschinken und Billigburger lecker, zumindest werben sie für Gutfried-Wurst und McDonald’s. So kommen alle auf ihre Kosten und das Gewissen bleibt rein wie die Küchenschürze des Fernsehkochs.
Die in Abständen wiederkehrende Empörung über Gammelfleisch, Dioxine im Hühnerei und Antibiotika in der Tierzucht wallt auf und wieder ab. Skandale gehören zum System der industriellen Lebensmittelproduktion. Und mit jedem überstanden Ekelschub wächst die Resistenz des Verbrauchers gegen sie. Man meidet eine Weile die Fleischtheke und kauft schließlich doch wieder das billige Schnitzel. Antibiotikaresistente Keime auf dem Hähnchenfleisch? Gut durchgegart kann nichts passieren, versichert die Geflügelindustrie.
Wäre die Angelegenheit tatsächlich eine Lappalie, müsste man allerdings fragen, warum drei Bundesministerien es im April 2011 für nötig erachteten, eine nationale Antibiotika-Resistenzstrategie zu beschließen. Unter der Federführung des Bundesgesundheitsministeriums sind das Bundesbildungsministerium und das für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz daran beteiligt. 400 000 bis 600000 Patienten erkranken jährlich deutschlandweit an Infektionen, ausgelöst durch antibiotikaresistente Erreger. Das Europäische Parlament beziffert die Zahl der tödlich verlaufenen Erkrankungen EU-weit auf 25000 pro Jahr.
Massentierhaltung ohne Antibiotika undenkbar
Noch ist die Rede von Krankenhausinfektionen. Die Erreger aber gelangen auf den unterschiedlichsten Wegen in die Umwelt. Welche Rolle die Tierhaltung – vor allem die Massentierhaltung – in diesem Szenario spielt, kann man in der Studie zur Deutschen Antibiotikaresistenzstrategie (DART) nachlesen. Die Fleischerzeugung im industriellen Maßstab ist ohne den Einsatz von Antibiotika nicht denkbar. Studien aus Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen belegen den massenhaften, auch missbräuchlichen Einsatz von Antibiotika in der Hühner-, Schweine- und Kälberzucht. Aus der Tierhaltung werden Antibiotika und resistente Infektionserreger auch direkt in die Umwelt eingetragen, über Abluftanlagen etwa oder ins Abwasser. Sie verstärken die zunehmende Resistenzentwicklung.
Das Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz will nun den Einsatz von Antibiotika in der Tierhaltung drastisch zu verringern. Für ein Ministerium, das die Interessen einer auf Massentierhaltung gestützten, exportorientierten Fleischindustrie ebenso vertreten soll wie die der Verbraucher, kommt diese Aufgabenstellung einer Quadratur des Kreises gleich.
Kein emsländischer Geflügelbaron wird sich davon überzeugen lassen, seinen Betrieb auf die Aufzucht von Bresse-Hühnern umzustellen. Und kein durchschnittlicher deutscher Verbraucher käme je auf die Idee, für ein solches Huhn 26 Euro zu bezahlen. Das ist der Preis, den man für ein glückliches Luxushuhn entrichten muss. Doch das Emsland ist nicht die Bresse. Hier prägen Hühnerfabrikanten wie der Wiesenhof-Patriarch Paul-Heinz Wesjohann die Landwirtschaft. Sie machten das Luxusprodukt Fleisch zum Discounter-Artikel, erschwinglich für die breite Masse. In Deutschland, brüstete sich Wesjohann unlängst, kostet ein Hähnchen heute noch genauso viel wie vor 50 Jahren.
Dass die Geflügel-Produzenten den Einsatz von Antibiotika bereits jetzt „streng restriktiv“ handhaben, versteht sich von selbst. Alle Maßnahmen, die das Ministerium nun zur Reduzierung des Einsatzes von Antibiotika vorschlägt, sind deshalb aus ihrer Sicht obsolet. Die Ergebnisse der beiden Studien aus Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen strafen diese Behauptung Lügen.
Die Auseinandersetzungen, die noch folgen, dürften hart werden, denn sollte der Einsatz von Antibiotika in der Tierhaltung tatsächlich drastisch reduziert werden, ist die industrielle Fleischproduktion in Deutschland in ihrer Existenz bedroht. Das Ministerium wird sich wappnen müssen. Es geht im wahrsten Sinne des Wortes um den Verbraucherschutz, den Schutz von Leib und Leben.

Damir Fras ist unser US-Korrespondent
Olivia Schoeller berichtete zuvor aus Washington
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