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Leitartikel: Einfach gut essen

Wer Bio isst, sollte es aus den richtigen Gründen tun: Biolandwirtschaft nutzt vor allem Tier und Natur. Wer aus gesundheitlichen Gründen zur Ökotomate greift, belügt sich selbst. Von Frauke Haß

Frauke Haß ist Wissenschafts- und Bildungsredakteurin der Frankfurter Rundschau.
Frauke Haß ist Wissenschafts- und Bildungsredakteurin der Frankfurter Rundschau.
Foto: fr

Schmecken Bio-Tomaten wirklich besser? Eine Menge Leute behauptet das mit großem Ernst. Sagen wir so: Es gibt Tomaten, bei denen schmeckt man, dass sie nach gar nichts schmecken, außer nach Wasser und Gewächshaus. Es gibt andere, vom Händler persönlich handgepflückt in Süditalien, die schmecken und riechen so tomatig, wie es nur geht. Keine Biotomaten, aber von der Sonne verwöhnt.

Ob Bio grundsätzlich besser schmeckt als Standard? Von der EU beauftragte Forscher wollen das jetzt in einer auf drei Jahre angelegten Untersuchung herausfinden.

Warten wir´s ab und beißen derweil weiter in die schöne, rote Biotomate. Denn es macht einfach mehr Spaß, ein Lebensmittel zu essen, bei dem man kein schlechtes Gewissen haben muss - weder den Mitmenschen, den Tieren, der Landschaft noch zukünftigen Generationen und schon gar nicht dem eigenen Körper gegenüber.

Zwar weiß kein Mensch, ob er gesundheitlich wirklich profitiert, wenn er oder sie sich von Biolebensmitteln ernährt. So ist das manchmal mit der Wissenschaft: Die eine -sehr gründliche - Literaturstudie (im Auftrag der britischen Food Standards Agency FSA erstellt) kommt zum Ergebnis, dass es keinen Beweis dafür gibt, dass Bio wirklich gesünder ist - auch weil sie die Frage nach Pestizid- und Düngerrückständen völlig ausgeklammert hat.

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Viele gute Inhaltsstoffe in Biolebensmitteln

Die andere, vielleicht noch gründlichere, von der Europäischen Union finanzierte Qlif-Studie befindet das Gegenteil, nämlich: In vielen Biolebensmitteln sind beträchtlich mehr wünschenswerte und gesundheitlich förderliche Inhaltsstoffe zu finden als in konventionellen.

Wie das kommt? Das liegt an der unterschiedlichen Methodik, an der Fragestellung und an der Auswahl der Publikationen. Zu beachten ist dabei auch die Formulierung. "Es gibt keinen Beweis dafür, dass Bioernährung einen zusätzlichen gesundheitlichen Mehrwert erzeugt", schreibt die FSA in ihrer Pressemitteilung. Die Tatsache, dass es noch keinen Beweis gibt, heißt ja nicht, dass es ihn nie geben wird.

Die EU-Studie Qlif hat viele gute Inhaltsstoffe in Biolebensmitteln entdeckt. Aber reicht das, um eine gesundheitliche Wirkung zu entfalten? Das eben kann (noch) kein Mensch sagen. Aber selbst wenn der Beweis erbracht wäre: Was hätten wir davon? Kriegen wir deshalb keinen Krebs? Oder erst ein paar Jahre später? Bekommen wir keinen Herzinfarkt, keinen Bluthochdruck oder Schlaganfall?

Nicht mal dem regelmäßigen Jogger, Walker oder Fahrradfahrer wird ein Arzt das Attest ausstellen, dass er garantiert 95 wird, weil er so brav für seinen Körper sorgt. Vielleicht bekommt er trotzdem einen Herzinfarkt, vielleicht auch nicht. Wenn nicht - liegt´s am Joggen? Man weiß es nicht. Und das, obwohl längst wissenschaftlich erwiesen ist, dass moderater Ausdauersport sehr gut für das Herz-Kreislauf-System ist.

Warum essen viele von uns Bioprodukte?

Die aktuelle Diskussion über die gesundheitlichen Aspekte der Bioernährung hat insofern ein Gutes: Vielleicht ist es endlich an der Zeit, mit dem eigenen Egoismus und Selbstbetrug aufzuräumen.

Warum essen viele von uns Bioprodukte? Eben nicht, weil wir der Welt, der Natur, der Landschaft, den Tieren, zukünftigen Generationen etwas Gutes tun wollen, sondern uns, und unseren Kindern. Gut gemacht, aber falsch gedacht. Aus gesundheitlichen Gründen Bio zu essen, wurde nach BSE modern, ist aber letztlich unvernünftig - eben weil die Forschungslage unklar ist.

Das ändert sich erst, wenn in einer auf Jahre angelegten, experimentellen Langzeitstudie die gesundheitlichen Wirkungen von Bio- und konventioneller Ernährung auf Menschen verglichen würden. Diese Studie gibt es noch nicht.

Natürlich ist es trotzdem sinnvoll, vernünftig und vorausschauend, Biolebensmittel zu essen: Weil die Biolandwirtschaft die Natur weit weniger belastet, Tiere artgerecht hält und auf Grundwasser wie Boden verseuchende Chemikalien verzichtet. Biolandwirtschaft beutet die Ressourcen eben nicht rücksichtslos aus, sondern nutzt sie nachhaltig, so, dass auch künftige Generationen noch Wälder, trinkbares Wasser und gesunde Böden vorfinden. Grund genug, Bio zu essen, oder?

In eine Tomate zu beißen, der man gewissermaßen vertrauen kann (kein Gift, mehr Vitamine, weniger Ausbeutung), verschafft einem vor allem ein gutes Gefühl. Viel mehr nicht. Und das ist am Ende doch eine ganze Menge.

Autor:  Frauke Haß
Datum:  6 | 8 | 2009
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