Wer Bio isst, sollte es aus den richtigen Gründen tun: Biolandwirtschaft nutzt vor allem Tier und Natur. Wer aus gesundheitlichen Gründen zur Ökotomate greift, belügt sich selbst. Von Frauke Haß
Frauke Haß ist Wissenschafts- und Bildungsredakteurin der Frankfurter Rundschau.
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Frauke Haß ist Wissenschafts- und Bildungsredakteurin der Frankfurter Rundschau.
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Schmecken Bio-Tomaten wirklich besser? Eine Menge Leute behauptet das mit großem Ernst. Sagen wir so: Es gibt Tomaten, bei denen schmeckt man, dass sie nach gar nichts schmecken, außer nach Wasser und Gewächshaus. Es gibt andere, vom Händler persönlich handgepflückt in Süditalien, die schmecken und riechen so tomatig, wie es nur geht. Keine Biotomaten, aber von der Sonne verwöhnt.
Ob Bio grundsätzlich besser schmeckt als Standard? Von der EU beauftragte Forscher wollen das jetzt in einer auf drei Jahre angelegten Untersuchung herausfinden.
Warten wir´s ab und beißen derweil weiter in die schöne, rote Biotomate. Denn es macht einfach mehr Spaß, ein Lebensmittel zu essen, bei dem man kein schlechtes Gewissen haben muss - weder den Mitmenschen, den Tieren, der Landschaft noch zukünftigen Generationen und schon gar nicht dem eigenen Körper gegenüber.
Zwar weiß kein Mensch, ob er gesundheitlich wirklich profitiert, wenn er oder sie sich von Biolebensmitteln ernährt. So ist das manchmal mit der Wissenschaft: Die eine -sehr gründliche - Literaturstudie (im Auftrag der britischen Food Standards Agency FSA erstellt) kommt zum Ergebnis, dass es keinen Beweis dafür gibt, dass Bio wirklich gesünder ist - auch weil sie die Frage nach Pestizid- und Düngerrückständen völlig ausgeklammert hat.
Die dreistesten Mogel-Lebensmittel
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Die dreistesten Mogel-Lebensmittel
Glaubt man dem Hersteller Nestlé, bieten Fitness Fruits eine "leichte" und "ausgewogene" Ernährung, die zur "Wunschfigur" verhilft. Tatsächlich bestehen die Frühstücksflocken zu einem Drittel aus Zucker und machen auf Dauer eher dick als fit.
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Die Firma "Deutsche Sisi-Werke" lässt nichts unversucht, um ihr zuckersüßes Getränk "Capri Sonne" an die jungen Konsumenten zu bringen. Sie ließ zum Beispiel Unterrichtsmaterialien über Ernährung und Bewegung an Schulen verteilen. Außerdem organisierte sie in den Jahren 2007 bis 2009 Feriencamps auf Lanzarote, wo die Kinder nach Recherchen von Foodwatch ständig von Werbung für "Capri Sonne" umgeben waren und sogar selbst als Werbeträger für das aromatisierte Kindergetränk missbraucht wurden.
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Laut Danone ist Actimel ein besonderer Joghurt-Drink, der das Immun-System "aktiviert" und "wetterfest" macht. Tatsächlich "aktiviert" Actimel das Immunsystem nicht mehr als herkömmliche Naturjoghurts, ist aber viermal so teuer und enthält doppelt so viel Zucker. Wissenschaftliche Belege für den Schutz vor Erkältungen gibt es nicht.
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Der Gelbe Zitrone Physalis von Pfanner präsentiert sich als perfekter Wellness-Drink: mit leuchtenden Physalis auf der Packung und dem hochwertigen gelben Tee im Namen. In Wirklichkeit enthält der Drink so wenig von der köstlichen Frucht, dass sie noch nicht einmal als Inhaltsstoff deklariert werden muss, und der gelbe Tee macht gerade mal 15 Prozent der Flüssigkeit aus. Der Rest sind viele Aromastoff und insgesamt 44 Stücke Würfelzucker auf zwei Liter.
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"Enthält Schokolade mit 75 Prozent Kakao" verspricht Dr. Oetker auf seinem Schoko-Pudding Pur Crema Choc. Das ist nicht gelogen. Nur leider enthält das Dessert insgesamt nur 2,5 Prozent Schokolade - was einem Kakaoanteil von ganzen 1,875 Prozent.
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Das Bertolli Pesto Verde von Unilever nach "original italienischer Rezeptur" enthält angeblich nur "beste Zutaten" wie "feinstes Bertolli Olivenöl" und Pinienkerne. Tatsächlich ist nur ein Fingerhut Olivenöl drin und kaukm Pinienkerne. Stattdessen werden vor allem Billigzutaten wie "pflanzliches Öl", Cashewnüsse und Aromastoffe eingesetzt.
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Lecker sieht er aus, der Philadelphia alla Pesto verde & Tomate, mit den frischen Zutaten auf der Verpackung und dem Versprechen von "sonnengereiften Tomaten". Die sind tatsächlich drin - genau 0,4 Prozent der Frischkäsezubereitung machen sie aus. Statt Pesto enthält das Produkt aus dem Hause Kraft eine Basilikum-Schmelzkäse-Mischung - und jede Menge Zusatzstoffe.
Foto: Foodwatch
"Schmeckt leicht, belastet nicht" bewirbt Ferroro seine Milchschnitte - und drückt die "ideale" Zwischenmahlzeit gerne werbewirksam prominenten Sportlern in die Hand. In Wahrheit besteht das Schnittchen zu 60 Prozent aus Fett und Zucker - und haut damit mehr rein als manche Schoko-Sahnetorte.
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Rama Cremefine will mit 11 Prozent weniger Fett als herkömmliche Schlagsahne ein Produkt für die "leichte Küche" sein. Dabei enthält das künstliche Lebensmittel viele gesättigte Fettsäuren - "schlechtes Fett" wie Rama selbst es nennt. Und kostet dabei noch doppelt so viel wie normale Schlagsahne.
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Wasabi Erdnüsse von The Lorenz Bahlsen Snack-World. Was fehlt: Wasabi (japanischer Meerrettich). Als Ersatz werden minderwertige Zutaten für den Geschmack verwendet - etwa Spirulina-Konzentrat (Algenkonzentrat), Aroma, Geschmacksverstärker und Farbstoff.
Foto: Verbraucherzentrale Hamburg
Bei den Mini Keks Bolden "Schoko" (Hersteller: Biscuits Delacre) vermissen wir die Schokoladenfüllung im Keks. Stattdessen müssen wir billigen Ersatz essen - Kakaocremefüllung mit Schokoladenimitat, unter anderem aus fettarmem Kakaopulver (3,7%), Zucker und gehärtetem Pflanzenfett hergestellt (Verpackung von 2009).
Foto: Verbraucherzentrale Hamburg
Beim Combi Weiß in Salzlake, 50 Prozent Fett, (Hersteller: Efe Firat Feinkost) fehlt echter Schafskäse aus Schafsmilch. Stattdessen findet sich in der Dose billiger Ersatz durch Analogkäse, der wie Schafskäse aussieht. Er enthält billiges Pflanzenfett statt Milchfett und Magermilch aus Kuhmilch statt Schafsmilch. Restaurants und Imbissbuden verwenden dieses Käseimitat gerne - und verkaufen es als Schafskäse.
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Bei der Surimi-Garnele (loser Verkauf) handelt es sich um gepresstes Fischeiweiß in Garnelenform. Es gibt täuschend echte Garnelenimitate, in denen Fischeiweiß steckt, das nicht anders verwertbar ist. Zudem Geschmacksverstärker, Aromen, Farbstoffe und Hühnereiweiß. Guten Appetit!
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Hier zum Vergleich eine echte Garnele. Das Imitat wird immer wieder in Imbissen als "Surimi Garnele, gefangen" bezeichnet, was den Eindruck erwecken soll, es handele sich um echte Garnelen.
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Der Meeresfrüchte Cocktail mit Krebsfleischimitat (Einkauf bei Kaufhof). Für 40 Euro das Kilo erwarten wir 100 Prozent Meeresfrüchte wie Muscheln, Garnelen oder Tintenfische. Stattdessen wird das Produkt mit billigem Surimi (Krebsfleischimitat aus Fischmuskeleiweiß) gestreckt.
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Beim Du darfst Putensalat mit Joghurtdressing (Hersteller: Unilever Deutschland) bekommen wir nicht etwa 100 Prozent Putenfleisch. Stattdessen serviert uns der Hersteller zusammengefügte Fleischreste. Zum gewachsenem Putenfleisch kommen Form-Putenfleisch und das noch billigere Form-Hähnchenfleisch.
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Im Fol Epi Nuss von Fromageries Rambol gibt es statt 100 Prozent Käse billigen Schmelzkäse. Die sogenannte Schmelzkäsezubereitung besteht nur zu 65 Prozent aus Käse, ist mit Zusatzstoffen wie Schmelzsalzen (E452, E339: Phosphate) und Aromen versetzt - was bei Käse nicht erlaubt ist. Die Scheiben aus Schmelzkäse sind leicht mit echtem Schnittkäse verwechselbar.
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Im Mucci Vanilleeis (Aldi Nord) muss der Verbraucher echte Vanille und 100 Prozent Milchfett vermissen. Stattdessen billiger Ersatz durch überwiegend synthetisches Vanillin und Kokosfett, wie die Stiftung Warentest ermittelt hat.
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Die Hähnchenschnitten Wiener Art von Vossko-Tiefkühlkost enthalten keine Hähnchenschnitzel aus einem Stück gewachsenem Fleisch. Stattdessen wird billiger Ersatz durch Verschnitt von kleinen Stücken aus Hähnchen- und Putenfleisch verkauft.
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Wer bei den Bio-Vollkorn-Toastbrötchen (Hersteller: Proback, Aldi Nord) denkt, hier handelt es sich um Vollkorntoast-Brötchen aus Vollkornmehl, irrt. Statt 90 Prozent Vollkornmehl im Mehlanteil wie in den Leitsätzen für Brot und Kleingebäck verlangt sind im Produkt nur 60 Prozent enthalten. Gestreckt wird mit Weizenmehl, gefärbt mit Gerstenmalzsirup.
Foto: Verbraucherzentrale Hamburg
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Was liegt auf Ihrem Teller - Original oder Fälschung? Das ist, wie hier bei Garnelen, nicht immer leicht zu erkennen. Lebensmittelkonzerne nutzen das aus. Sehen Sie die größten Mogel-Lebensmittel - zusammengestellt von der Verbraucherzentrale Hamburg und von Foodwatch.
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Kraus
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Linkspartei in der Krise
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Viele gute Inhaltsstoffe in Biolebensmitteln
Die andere, vielleicht noch gründlichere, von der Europäischen Union finanzierte Qlif-Studie befindet das Gegenteil, nämlich: In vielen Biolebensmitteln sind beträchtlich mehr wünschenswerte und gesundheitlich förderliche Inhaltsstoffe zu finden als in konventionellen.
Wie das kommt? Das liegt an der unterschiedlichen Methodik, an der Fragestellung und an der Auswahl der Publikationen. Zu beachten ist dabei auch die Formulierung. "Es gibt keinen Beweis dafür, dass Bioernährung einen zusätzlichen gesundheitlichen Mehrwert erzeugt", schreibt die FSA in ihrer Pressemitteilung. Die Tatsache, dass es noch keinen Beweis gibt, heißt ja nicht, dass es ihn nie geben wird.
Die EU-Studie Qlif hat viele gute Inhaltsstoffe in Biolebensmitteln entdeckt. Aber reicht das, um eine gesundheitliche Wirkung zu entfalten? Das eben kann (noch) kein Mensch sagen. Aber selbst wenn der Beweis erbracht wäre: Was hätten wir davon? Kriegen wir deshalb keinen Krebs? Oder erst ein paar Jahre später? Bekommen wir keinen Herzinfarkt, keinen Bluthochdruck oder Schlaganfall?
Nicht mal dem regelmäßigen Jogger, Walker oder Fahrradfahrer wird ein Arzt das Attest ausstellen, dass er garantiert 95 wird, weil er so brav für seinen Körper sorgt. Vielleicht bekommt er trotzdem einen Herzinfarkt, vielleicht auch nicht. Wenn nicht - liegt´s am Joggen? Man weiß es nicht. Und das, obwohl längst wissenschaftlich erwiesen ist, dass moderater Ausdauersport sehr gut für das Herz-Kreislauf-System ist.
Warum essen viele von uns Bioprodukte?
Die aktuelle Diskussion über die gesundheitlichen Aspekte der Bioernährung hat insofern ein Gutes: Vielleicht ist es endlich an der Zeit, mit dem eigenen Egoismus und Selbstbetrug aufzuräumen.
Warum essen viele von uns Bioprodukte? Eben nicht, weil wir der Welt, der Natur, der Landschaft, den Tieren, zukünftigen Generationen etwas Gutes tun wollen, sondern uns, und unseren Kindern. Gut gemacht, aber falsch gedacht. Aus gesundheitlichen Gründen Bio zu essen, wurde nach BSE modern, ist aber letztlich unvernünftig - eben weil die Forschungslage unklar ist.
Das ändert sich erst, wenn in einer auf Jahre angelegten, experimentellen Langzeitstudie die gesundheitlichen Wirkungen von Bio- und konventioneller Ernährung auf Menschen verglichen würden. Diese Studie gibt es noch nicht.
Natürlich ist es trotzdem sinnvoll, vernünftig und vorausschauend, Biolebensmittel zu essen: Weil die Biolandwirtschaft die Natur weit weniger belastet, Tiere artgerecht hält und auf Grundwasser wie Boden verseuchende Chemikalien verzichtet. Biolandwirtschaft beutet die Ressourcen eben nicht rücksichtslos aus, sondern nutzt sie nachhaltig, so, dass auch künftige Generationen noch Wälder, trinkbares Wasser und gesunde Böden vorfinden. Grund genug, Bio zu essen, oder?
In eine Tomate zu beißen, der man gewissermaßen vertrauen kann (kein Gift, mehr Vitamine, weniger Ausbeutung), verschafft einem vor allem ein gutes Gefühl. Viel mehr nicht. Und das ist am Ende doch eine ganze Menge.