Atomstrom, ja bitte - aber nur als "Brückentechnologie". Dieses Mantra tragen die Schwarz-Gelben vor. Über ihr Konzept schweigen sie entweder bewusst oder sie haben gar keins. Von Joachim Wille
Joachim Wille ist Politikredakteur der Frankfurter Rundschau.
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Im Leben, zumal in der Politik, sollte man ein Konzept haben, wenn man etwas verändern möchte. Sonst entsteht ein Durcheinander, bei dem sich durchsetzt, wer die meiste Macht hat. Beispiel gefällig? Die neue Energiepolitik der schwarz-gelben Koalition. Im Wahlkampf hieß es: Sie soll unideologisch, technologieoffen und wettbewerbsorientiert sein. Pro Atomkraft, pro erneuerbare Energien, für niedrige Preise, für sichere Versorgung - das waren die Stichworte. Man dachte: Die haben sich was gedacht dabei.
Plötzlich, auf den letzten Metern der Koalitionsverhandlungen, stellt sich heraus: Das war eine Täuschung. Schwarz-Gelb hat gar kein stimmiges Konzept, wie die zentrale industrie- und klimapolitische Frage gelöst werden soll. Die demnächst Regierenden leiern nur ihr Mantra von der "Brückentechnologie" herunter, die die Atomkraft darstellen soll, bis die erneuerbaren Energien voll übernehmen können.
Wie genau das geregelt werden soll, ist bei den Partnern aber umstritten. Seit Tagen verkünden die Koalitionäre in spe, man habe sich "grundsätzlich" geeinigt. Doch die Details, auf die es ankommt, liegen weiter im Dunkel, und da werden sie womöglich auch noch Monate bleiben. Vielleicht, weil Schwarz-Gelb seine Bastion in Nordrhein-Westfalen nicht gefährden will - bis zur dortigen Landtagswahl im Mai 2010.
Die Hoffnung, dass die neue Koalition Angst vor der eigenen atomfrommen Courage bekommt, ist leider gering. Dabei steht viel auf dem Spiel. So viel man gegen die ebenfalls unkoordinierte Energiepolitik von Rot-Grün und Schwarz-Rot sagen kann - eines haben diese Vorgängerkoalitionen geschafft: Sie trieben den klimafreundlichen und risikominimierenden Umbau des Energiesystems kräftig voran. Deutschland verdiente sich seinen Ruf als Weltmeister der erneuerbaren Energien, der es schafft, Atomausstieg und Klimaschutz zu verbinden und dabei eine schlagkräftige Zukunftsbranche mit bereits 280.000 Arbeitsplätzen zu etablierten.
Die Gorleben-Story
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Im niedersächsischen Gorleben sollte nach den Plänen von Bundes- und Landesregierung von 1977 ein komplettes atomares Entsorgungszentrum entstehen. Geplant waren ein Zwischenlager für Castor-Behälter, eine Wiederaufarbeitungsanlage (WAA) für abgebrannte Kernbrennstoffe sowie ein Endlager tief unten im Salzstock. Niedersachsens Ministerpräsident Ernst Albrecht (CDU) präsentierte den Standort bei einer Pressekonferenz im Februar 1977 in Hannover.
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Der gewählte Standort für das atomare Entsorgungszentrum liegt rund zwei Kilometer südlich der Gemeinde im Landkreis Lüchow-Dannenberg. Die Region befindet sich an der früheren Grenze zur DDR und ist dünn besiedelt.
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Entgegen der Erwartung von Ministerpräsident Albrecht bildete sich schnell eine starke Protestbewegung. 1979 nahmen an einem "Treck nach Hannover" mehr als 100.000 Menschen teil. Albrecht sah ein, dass das große Entsorgungskonzept keine Chance hatte. Er erklärte, eine WAA-Atomfabrik sei "politisch nicht durchsetzbar".
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Die Pläne für das Zwischenlager, in dem Castor-Behälter mit abgebrannten Brennelementen und verglaste hochradioaktive Abfälle untergebracht werden sollten, und für das Endlager wurden jedoch weiter verfolgt.
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Das Zwischenlager wird seit 1984 betrieben. Die Lagerhalle für Behälter ist 4500 Quadratmeter groß und fünf Meter hoch.
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Die regelmäßigen Castor-Transporte nach Gorleben aus der französischen WAA in La Hague, wo abgebrannte Brennstäbe bis zum Jahr 2005 angenommen wurden, sind stets von starken Protesten begleitet.
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Spektakuläre Aktionen, wie hier von Robion Wood, konnten den Transport jedoch allenfalls verzögern.
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Immer wieder blockierten Demonstranten - gut bewacht von der Polizei - den Schienenweg in Richtung Gorleben.
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Die Kreativität der Demonstranten machte den Protest gegen die Transporte nach Gorleben zu regelmäßigen Medien-Aufregern.
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Mit der Hartnäckigkeit der Demonstranten hatte die Polizei oft ihre liebe Mühe.
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Auch Greenpeace gehörte immer wieder zu den wichtigen Impulsgebern der Demonstrationen.
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Menschen aus ganz Europa demonstrieren regelmäßig gegen die Castor-Transporte.
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1979 begann die Untersuchung des Salzstocks, die Aufschluss über die Eignung als Endlager geben sollte. Der Verdacht, dass Niedersachsen den Standort im Wendland nicht primär aus fachlichen, sondern aus politischen Gründen ausgesucht hatte, wurde jüngst bestätigt.
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Als damaliges Mitglied der Auswahl-Kommission sagte der heute emeritierte Geologie-Professor Gerd Lüttig, Albrecht habe Kommissionsempfehlungen nicht abgewartet, sondern sei festgelegt gewesen.
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Zitat: "Er wollte einen Standort in der Nähe der damaligen Zonengrenze haben, weil die Ostzonalen, wie er immer sagte, uns die Geschichte mit ihrem Endlager Morsleben eingebrockt hatten" (Lüttig).
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Im sachsen-anhaltinischen Morsleben hatte Ost-Berlin ein Atom-Endlager nahe der Grenze eröffnet. Nach Aussagen von Experten waren andere norddeutsche Salzstöcke nach Aktenlage mindestens ebenso oder besser geeignet als Gorleben.
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Bis 1983 lief die Voruntersuchung in Gorleben, die von der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt (PTB) bewertet wurde. Danach startete die untertägige Erkundung, die die Stromkonzerne - und damit die Stromkunden - bislang 1,5 Milliarden Euro gekostet hat. Sie wurde im Jahr 2000 gestoppt.
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Sowohl Bundesumweltminister Jürgen Trittin (Grüne) als auch sein Nachfolger Sigmar Gabriel (SPD) versuchten, eine neue Endlagersuche zu starten. Dabei sollten nicht nur Salzstöcke, sondern auch Granit-Standorte einbezogen werden, die sich in Baden-Württemberg und Bayern befinden. Das scheiterte aber am Widerstand von Union und FDP sowie der Atomwirtschaft, die die Erkundungsarbeiten in Gorleben möglichst schnell wieder aufnehmen lassen wollen.
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Neue Zweifel an der Eignung Gorlebens bringt ein Gutachten des Ex-PTB-Mitarbeiters Ulrich Schneider, das die niedersächsischen Linken in Auftrag gegeben haben. "Es stellt sich die Frage, wann Gorleben absaufen wird", sagte der Geologe. Er verglich den Salzstock mit einem hohlen Zahn, in den Wasser wie Karies eindringe. Frühere Untersuchungen über Wasserläufe in dem Gestein kritisierte er als zu undifferenziert. Wasser dringe in das Steinsalz des geplanten Endlagers umgebenden Kalisalzschichten ein und weiche diese auf.
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Der Salzstock bei Gorleben wird seit 1977 als möglicher Standort zur Endlagerung hoch radioaktiven Atommülls gehandelt. Einige Geologen bezweifeln die Tauglichkeit des Salzstocks in Gorleben als Endlager. Umweltschützer vermuten, dass der Salzstock unter dem Deckmantel der Erkundung bereits seit Jahrzehnten zum Endlager für hoch radioaktiven Atommüll ausgebaut wird. Die FR erzählt die Gorleben-Story und den Protest in Bildern
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Linkspartei in der Krise
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Schwarz-Gelb ist also im Dilemma. Die Koalitionäre sind entschlossen, den Atomausstieg zu killen. Doch das kollidiert mit zwei ihrer eigenen Ziele. Es verhindert sofort den dringend nötigen besseren Wettbewerb im Strommarkt, weil neue Player, neue Stromproduzenten, wegbleiben. Und es kollidiert mittelfristig mit dem beschleunigten Ausbau der erneuerbaren Energien.
Kein energiepolitisches Gesamtkonzept
Bildlich gesagt: Der Atomstrom verstopft die Netze für Ökostrom, der als wirkliche "Brückentechnologie" zur Ergänzung keine Riesen-Stromzentralen braucht, sondern einen flexiblen, neu zu bauenden Kraftwerkspark. Die fixe Idee, AKW nicht abschalten zu dürfen, verstellt den Blick darauf, dass der Einstieg in die erneuerbaren Energien, der Atom-Ausstieg sowie die Kapazitäten an Kohle- und Erdgas-Kraftwerken harmonisiert werden müssen.
Es liegt auf der Hand: Nötig wäre ein energiepolitisches Gesamtkonzept, das den abnehmenden Rest-Atomstrombedarf identifiziert. Denkbar wäre es, ältere, technisch überholte AKW schnell vom Netz zu nehmen und dafür modernere, relativ sichere Anlagen je nach Notwendigkeit auch über den bisher angepeilten endgültigen Ausstieg anno 2021 hinaus laufen zu lassen. Die zukünftigen Koalitionäre wären den Verdacht los, blinde Atomhardliner zu sein, und müssten dazu nicht einmal das Atomgesetz ändern. Entsprechende Übertragungen von "Reststrommengen" sieht der geschmähte rot-grüne Atomkonsens längst vor.
Wunschdenken? Leider wohl ja. Umweltpolitiker aus Union und FDP haben während der Koalitionsgespräche gefordert, erst ein Gesamtkonzept zu erstellen, um eine belastbare Basis für die AKW-Entscheidung zu haben. Das wäre allemal besser, als die Atombrennstäbe jetzt übers Knie zu brechen. Genauso aber dürfte es kommen. Denn der zweitwichtigste Politiker der schwarz-gelben Koalition, Guido Westerwelle, hat sich schon geoutet: Er möchte den Ausstieg aus dem Ausstieg rasch festklopfen. Er will verhindern, dass erst nachgedacht wird.
Die Prognose sei gewagt: Die Schwarz-Gelben werden die Energie-Zeit ein ganzes Stück zurückdrehen. Sie vergolden den Stromkonzernen damit ihre Trickserei bei den Restlaufzeiten ihrer Uralt-AKW und den Vertragsbruch beim Atomkonsens, den diese einst feierlich selbst unterzeichnet haben.
Auch wenn anderes behauptet wird: Der Klimaschutz wird damit eher erschwert als erleichtert.