Aktuell: Fußball-EM 2016 | Brexit | HIV und Aids | Flüchtlinge in Deutschland und Europa | Zuwanderung Rhein-Main
Möchten Sie zur mobilen Ansicht wechseln?
Ja Nein

Meinung
Kommentare, Kolumnen, Analysen

02. Februar 2013

Leitartikel: Ethische Güterabwägung

 Von 
Der Kölner Kardinal Joachim Meisner.  Foto: dpa

Das Festhalten der Kirche an verbindlichen Normen darf nicht in eine reine Verbotsmoral münden.Das sind die eigentlichen Lehren aus dem Kölner Klinikenskandal.

Drucken per Mail

Ich habe mich geirrt. Es tut mir leid. Wie schwer fällt dieses Eingeständnis schon im zwischenmenschlichen Miteinander! Um wie viel mehr im öffentlichen Leben – in der Politik und erst recht in der Kirche, wo das Rechthaben stets einen metaphysischen Unterton hat. Schon darum verdient Kardinal Joachim Meisners Abkehr von seinem – noch vor Wochenfrist bekräftigten – Verbot der „Pille danach“ Respekt.

Besserwisser tun sich leicht, Meisners Entscheidung auf eine Art minimal-invasive Notoperation in eigener Sache zu reduzieren. Der Erzbischof versuche in aller Hast, eine weitere klaffende Wunde zu nähen, die der Kölner Klinikenskandal dem Image der katholischen Kirche und ihrem karitativen Auftrag zugefügt hat.

Richtig daran ist, dass Meisner die „Pille danach“ nur dann für zulässig erklärt, wenn sie keine Frühabtreibung zur Folge hat, wenn sie also rein verhütend wirkt. Er schließt damit übrigens an eine Direktive der US-Bischöfe von 1995 an. Somit ist Katholiken seit fast 20 Jahren in den USA erlaubt, was sie jetzt auch im Erzbistum Köln tun dürfen, um eine „verbrecherische Befruchtung“ zu verhindern. Diese seltsam sperrige Formulierung hebt den Vergewaltigungsfall vom einvernehmlichen Sex ab, den das kirchliche Lehramt bekanntlich nur unter Eheleuten für statthaft hält. Diese aber sollen von der „Pille danach“ keinen Gebrauch machen dürfen, weil es beim ehelichen Sex – so Meisner wörtlich – „um die Ganzheitlichkeit eines liebenden Aktes“ geht.

Sorge um den "Heilungsdienst" der Kirche

Die Chaostheorie spricht trotz alledem gegen ein achselzuckendes „Ach, was soll’s“ als Reaktion auf Meisners Positionswechsel: Eine winzige Bewegung kann ein gewaltiges Beben nach sich ziehen. Und: Die entscheidenden Folgen einer Handlung können vollkommen andere sein, als beabsichtigt. Der Kölner Fall ist schon jetzt ein Lehrstück dafür.

Die „Pille danach“

Medikamente zur Nachverhütung führen nicht zu Schwangerschaftsabbruch, sondern wirken wie jede hormonelle Empfängnisverhütung. In Deutschland gibt es zwei solcher Präparate: Der Wirkstoff Levonorgestrel verschiebt oder verhindert den Eisprung. Diese Pille muss bis 24 Stunden danach eingenommen werden.

Seit fünf Jahren gibt es zudem ein Produkt mit dem Wirkstoff Ulipristalacetat, das bis zu fünf Tage danach eingenommen werden kann. Einer befruchteten Eizelle würde es aber ebenfalls nicht schaden.

Zum Schwangerschafts-Abbruch wird die Pille „RU-486“ eingesetzt, das in der aktuellen Debatte aber nicht im Fokus stand.

Es waren rechtslastige pseudokatholische Spitzel, die Ende 2011 mit Scheinpatientinnen kirchliche Kliniken des laxen Umgangs mit der „Pille danach“ überführen wollten. Das Ergebnis im Februar 2013: Die „Pille danach“ ist nicht länger geächtet. Wenn die Denunzianten das geahnt hätten! Sie spekulierten darauf, trotz ihrer infamen Methoden gerade bei Meisner landen zu können, dem Unbeweglichkeitsgaranten im katholischen Universum. Und sie rechneten nicht damit, dass er sich anrühren lassen würde von dem – in der Tat schwer erträglichen – Gedanken, dass eine kirchliche Klinik einer vergewaltigten Frau die Hilfe verweigert.

Meisner reagierte aus Sorge um den „Heilungsdienst“ der Kirche. Das Wegweisende daran ist, dass er zwei Grundsätze zu ihrem Recht kommen lässt, die dem katholischen Denken zwar vertraut sind, mit denen kirchliche Autoritäten aber oftmals fremdeln. Erstens: die Autonomie der Lebensbereiche, in diesem Fall der Medizin. Der einzelne Arzt darf und muss sachkundig und verantwortungsvoll entscheiden, wie er einen Patienten behandelt. „Die Kirche kann dazu nur die moralischen Prinzipien erklären“, heißt es erläuternd zu Meisners Stellungnahme.

Verhältnis zu sexueller Gewalt in der Ehe

Zweitens und noch wichtiger: Meisner nimmt für die ethische Urteilsbildung eine Güterabwägung vor: Grundsätzlich verbietet die katholische Kirche künstliche Verhütung, aber es gibt legitime Ausnahmen. So durften bereits katholische Nonnen die Pille nehmen, wenn sie – etwa in Teilen Afrikas – befürchten mussten, Opfer von Massenvergewaltigungen zu werden. Und der Papst höchstselbst hält es in seinem Interviewband „Licht der Welt“ für vertretbar, dass Strichjungen Kondome benutzen, um eine HIV-Infektion zu vermeiden.

Damit sind Räume erschlossen, für die bisher nach landläufiger Ansicht galt: „Halt! Prinzip! Betreten strengstens verboten!“ Wenn aber die Kirche selbst – für alle sichtbar – dieses große Stoppschild entfernt, hat das Folgen weit über den von Meisner umschriebenen Radius hinaus.

Als erstes nämlich wird sich das kirchliche Lehramt mit der Frage konfrontiert sehen, wie es sich zu sexueller Gewalt in der Ehe verhält. An der „Ganzheitlichkeit des liebenden Aktes“ festzuhalten, dürfte schlechterdings unmöglich sein, wenn der Ehemann seine Frau vergewaltigt. Und diese sollte dasselbe Recht haben, eine „verbrecherische Befruchtung zu vermeiden“, wie jedes Vergewaltigungsopfer.

Den Wechselfällen des Lebens ethisch gerecht zu werden, ist immer komplizierter und anstrengender, als abstrakt ein Prinzip zu verteidigen. Das Festhalten der Kirche an verbindlichen Normen darf nicht in eine reine Verbotsmoral münden.

Das sind die eigentlichen Lehren aus dem Kölner Klinikenskandal. Die katholische Kirche tut gut daran, der von Meisner gelegten Spur zu folgen – am besten, ohne vom nächsten Skandal dazu getrieben zu werden, sondern aus freien Stücken.

[ Lesen Sie jetzt das EM-Spezial der FR - digital oder gedruckt sechs Wochen lang ab 27,30 Euro. Hier geht’s zur Bestellung. ]

Zur Homepage

Anzeige

comments powered by Disqus

Anzeige

Ressort

Nachrichten aus den Inland und Ausland, Analysen und Kommentare.

Mindestlohn

Die Lohnungleichheit wird zementiert

Von  |
Das Gesetz zum Mindestlohn muss überarbeitet werden, um wirklich gerecht zu sein.

Bisher ist der gesetzliche Mindestlohn ein Erfolg. Doch das Gesetz hat einen entscheidenden Webfehler. Wenn dieser nicht behoben wird, verstärkt der Mindestlohn künftig die Ungleichheit. Der Leitartikel. Mehr...

Brexit-Debatte

Es waren nicht „die Briten“, es waren die Alten

Von Christina Michaelis |
Brexit-Gewinner Nigel Farage: Sieg der Alten.

Vor allem ältere Wähler haben den Brexit-Entscheid durchgesetzt. Jetzt sollten wir, die Millennials, lautstark für das Europa eintreten, das wir täglich leben. Der Leitartikel. Mehr...

Verlagsveröffentlichung


Der Kampf um die Startbahn West +++ Tschernobyl-Katastrophe erreicht Frankfurt +++ Attentate erschüttern Rhein-Main-Gebiet +++ Der Main erhält ein Museumsufer +++ Hochhäuser in Frankfurt

Videonachrichten Politik
Dossier


Millionen Menschen verlassen ihre Heimat. Sie fliehen vor Krieg oder Umweltschäden; sie suchen Arbeit, ein besseres Leben. Nicht wenige sterben, etwa vor Lampedusa. Andere schaffen es nach Deutschland - und werden hier nicht immer gut behandelt.

Übersichtsseite - alles auf einen Blick.

Zuwanderung in Frankfurt und Rhein-Main.

Schicksale - die betroffenen Menschen.

Lampedusa - Europa schottet sich ab - die Folgen.

Anzeige

Talkshow-Kritiken auf einen Blick
Meinung