Es kommt nicht häufig vor, dass man eine Bundesministerin bei einem peinlichen Ungeschick beobachten kann. Vor ein paar Jahren widerfuhr dies der Gesundheitsministerin Andrea Fischer. In der Buchabteilung des Berliner Kaufhauses des Westens fegte sie mit forschem Mantelschwung ein großformatiges Buch vom Stapel. Andrea Fischer sah sich um und hob es auf. Die Szene wurde beobachtet, und einige dürften die prominente Zufallsrandaliererin wohl auch erkannt haben. Es wurde dennoch kein Fall draus. Zum einen war der Vorfall wohl zu harmlos, zum anderen billigte man der Amtsträgerin eine Spur von Privatheit und das Recht auf Ungeschick zu.
Im Rahmen der Ermittlungen der von der Zeitschrift Bunte beauftragten Detektei wäre der Mantelschwung der Andrea Fischer gewiss in den bedeutenden Datensatz gerutscht. Es ist sogar anzunehmen, dass professionelle Stalker die Szene auch als Foto oder Bewegtbild festgehalten hätten. Patricia Riekel, die Chefin der Bunten, wurde in den letzten Tagen nicht müde, ihre zweifelhafte Auftragsvergabe an berufliche Observierer zu rechtfertigen. Die Zeitschrift beruft sich auf ihren aufklärerischen Auftrag. Schließlich habe die Öffentlichkeit ein Recht darauf zu erfahren, mit welcher Art von Volksvertretern sie es zu tun hat. Man kann ja gar nicht genug über die wissen.
Dahinter steckt eine Idee von Öffentlichkeit, in der Informationen, worüber auch immer, zur Gestalt des großen Ganzen beitragen. Kein Hinweis ist unbedeutend genug, als dass er nicht auf dem Jahrmarkt medialer Eitelkeiten gierige Abnehmer fände. Die Grenzen zwischen öffentlichem Interesse und dem Bedürfnis nach Privatheit mögen schon immer fließend gewesen sein. Im Zeitalter permanenter Vernetzung, ubiquitärer Sichtbarkeit durch Handy-Fotografie und manischer Datensammelei von Behörden - aber eben auch von Privatleuten - sind sie nahezu vollständig aufgehoben. Es ist schon kurios, dass die Bischöfin Margot Käßmann unlängst vor einem sehr altmodischen Medium der Verkehrsüberwachung auffällig wurde.
Die nassforsche Art, mit der die Bunte-Chefin und ihre Anwälte ihre Auftragsvergabe rechtfertigen, ist ein besonders kaltschnäuziges Beispiel für die Abwesenheit einer journalistischen Ethik. Die Hoffnung auf einen normativen Ordnungsruf, durch den das Verhältnis von journalistischer Recherche und das Recht auf Privatsphäre wieder ins Lot kommen, besteht eher nicht. Möglich, dass der Presserat eine Rüge erteilt. Die professionellen Grenzverletzer aber haben anderswo längst ihre Gerätschaften ausgerichtet, um das öffentliche Interesse nach Privatistischem aller Art zu befriedigen.
Das Problem, das im Bunte-Fall zum Vorschein kommt, besteht in dem paradoxen Verhältnis von Aufklärung und Freiheit. Die Informationsfreiheit und die Vorgehensweisen, sich Material und Daten zu beschaffen, sind ein hohes Gut demokratischer Ordnungen. Zahlreiche politische Skandale, auch Verbrechen, sind aufgedeckt worden, weil Journalisten sich auf die Lauer gelegt haben. Dabei waren sie in der Wahl ihrer Mittel nicht immer zimperlich. Waren ihre Recherchen erfolgreich, wurden sie nicht selten als Helden und Verteidiger der bürgerlichen Freiheit gefeiert.
Zu einem intakten journalistischen Selbstbewusstsein gehört allerdings auch die Einsicht, dass Freiheit erst aus dem souveränen Ordnen der Daten hervorgeht. Das Bewerten von Informationen ist die zentrale Praxis des journalistischen Handwerks. Die Offenheit einer Gesellschaft erwächst vor allem aus der Fähigkeit, den Überschuss an verfügbaren Informationen zu ordnen und zu deuten. Zur Beurteilung der Qualitäten eines Politikers spielen seine sexuellen Präferenzen keine Rolle. Um von einem Auftritt Lady Gagas fasziniert oder abgestoßen zu sein, muss man nichts über die Anordnung von X- oder Y-Chromosomen wissen.
Demokratische Verfassungen gewähren und garantieren den freien Zugang zu Informationen. Die Freiheit einer Gesellschaft bemisst sich aber an der Begabung und Notwendigkeit, nicht alles, was man wissen kann, auch wissen zu wollen. Patricia Riekel und Bunte ermittelten am Ende ja nicht so verbissen, weil ihre Leser es so wollten. Ihre maßlose journalistische Neugier war vielmehr angetrieben durch die Angst, ihr Publikum zu verlieren. Journalistischer Eigensinn und Souveränität sehen anders aus.

Damir Fras ist unser US-Korrespondent
Olivia Schoeller berichtete zuvor aus Washington
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