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29. Februar 2012

Leitartikel: Fürchtet euch nicht

 Von Maxim Leo
Maxim Leo.

Frauen sind gute Chefs. Den Männern aus patriarchalisch-reaktionären Konkurrenzblättern rufe ich zu: „Lasst die Frauen über euch herrschen. Ihr werdet es nicht bereuen!“

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Dreihundertfünfzig deutsche Journalistinnen haben einen Brief an zweihundertfünfzig deutsche Chefredakteure geschickt. Man könnte auch sagen, Frauen haben Männern geschrieben, weil es in Deutschland kaum Chefredakteurinnen gibt. Genau das wird in dem Brief beklagt. In den dreißig Dax-Vorständen betrug die Frauenquote im Jahr 2011 schlappe 3,7 Prozent. Verglichen mit der Zeitungs- und Zeitschriftenbranche aber ist dieser Frauenanteil revolutionär. Nur zwei Prozent der deutschen Chefredakteure sind Frauen. Das heißt, wir Journalisten schreiben ständig über die Notwendigkeit der Gleichberechtigung. Wir fordern, wir appellieren. Aber wir tun nichts. Wobei der Plural an dieser Stelle nicht ganz stimmt, weil zum Beispiel die Frankfurter Rundschau viele mächtige Frauen hat. Von elf Ressortleitern sind fünf Frauen. Von den fünf Chefredakteuren sind zwei weiblich. Das heißt, wir haben die Dreißig-Prozent-Quote längst übererfüllt, die von den Journalistinnen in ihrem Brief gefordert wird.

Ich wurde gebeten, diesen Leitartikel zu schreiben, weil die Ressortleiterin der Meinungsseite sagte, es gehe nicht an, dass immer nur Frauen über die Frauenquote schreiben. Ich habe meine Chefin, die Ressortleiterin Magazin, gefragt, ob ich mich zur Causa der weiblichen Dominanz in unserer Zeitung äußern darf, und sie hatte nichts dagegen. „Du bist ein freier Mann“, sagte sie und lächelte geheimnisvoll.

Mein Problem ist nur, dass ich eigentlich gar nicht weiß, was ich jetzt sagen soll. Weil ich natürlich dafür bin, dass Frauen genau so viel leiten wie Männer. Warum auch nicht? Ich wäre sogar dafür, eine Männerquote einzurichten. Meinetwegen könnte die so bei dreißig Prozent liegen. Den Rest sollen die Frauen besetzen. Ich finde nämlich, dass Frauen gute Chefs sind. Sie stellen mehr Fragen und entscheiden sachlicher. Männer neigen dazu, aus jedem Sachproblem gleich ein Machtproblem zu machen. Frauen sind entspannter. Sie wollen mehr reden. Sie können sogar sagen, wenn sie mal verletzt sind. Oder wenn sie mal keine Idee haben. Deshalb würde ich jedem Mann zu einer Chefin raten. Den Männern aus den patriarchalisch-reaktionären Konkurrenzblättern rufe ich zu: „Fürchtet euch nicht! Lasst die Frauen über euch herrschen. Ihr werdet es nicht bereuen!“

Ich kenne übrigens keinen einzigen Kollegen, der dagegen wäre, den Frauen mehr Macht zu geben. Journalisten sind schließlich aufgeklärte, moderne Menschen. Auch in den anderen Blättern sagen die Männer: „Klar, lasst die Frauen ran.“ Aber dann scheint es doch nicht zu klappen. Woran liegt das? Georg Mascolo, Chefredakteur vom Spiegel, sagt, er sei gar nicht sicher, ob überhaupt so viele Frauen in Top-Positionen drängen. Schon deshalb sei er gegen eine Frauenquote. Auch andere Chefredakteure sagen, man dürfe die Gleichheit nicht erzwingen. Aber wie soll es sonst gehen? Ich weiß es ehrlich gesagt auch nicht. Ich weiß nur, dass ich eigentlich gegen Quoten und Regeln bin. Am besten wäre es, wenn es einfach so passiert. In unserer Zeitung zum Beispiel war die Frauenfrage nie ein Thema. Es hat sich wirklich so ergeben, dass auf einmal überall Frauen leiteten. Mir ist das nicht mal aufgefallen. Und ich würde es auch nicht betonen, wenn ich nicht diesen Leitartikel zu schreiben hätte.

Aber offenbar scheint sich die Durchmischung woanders nicht so einfach zu ergeben. Vielleicht liegt das auch daran, dass die Frauenfrage im Osten – der überregionale Teil der Frankfurter Rundschau wird gemeinsam mit der Berliner Zeitung im Osten Berlins produziert – anders betrachtet wird als in Hamburg, München, Köln oder Frankfurt/Main, den großen Medienzentren der Republik. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung hat unter ihren Herausgebern eine Frauenquote von null.

Vielleicht hilft wirklich nur Zwang. Und ökonomischer Verstand. Seit Jahren nimmt der Anteil der Frauen in der Zeitungsleserschaft ab. Womöglich könnte man Leserinnen zurück gewinnen, wenn die Zeitungen weiblicher wären.

Mit den Frauen ist es übrigens so ähnlich wie mit den Ostdeutschen. Kein Dax-Unternehmen, kein Großverlag, kein Bundesligaverein, kein Nachrichtenmagazin wird von einem Ostdeutschen geführt. Die Bundeskanzlerin ist in doppelter Hinsicht eine Ausnahme, aber das macht weder die Sache der Frauen noch die der Ostdeutschen leichter.

Deshalb wäre ich für so eine Art Durchmischungsgesetz. Das heißt, die Führungsetage jedes Unternehmens, das mehr als hundert Mitarbeiter hat, müsste mithilfe von Persönlichkeits-Indikatoren nach Verklumpungen untersucht werden. Da, wo zu viele Männer sind, wo zu viele Westdeutsche sind, wo zu viele Weiße sind, wo zu viele Nicht-Behinderte sind, wo zu viele Katholiken oder Vegetarier sind, wird neu gemischt. Wahrscheinlich würde unser Land spannender werden. Ein Deutschland ohne Klumpen. Klingt nicht schlecht.

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