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Leitartikel: Ganztags-Schnecke trifft Turbo-Abi

Auf ihrer langen Kriechspur durch die Institutionen hat die Schulreform an Tempo und Kontur verloren. Auch die bildungsreisende Kanzlerin wird ihr kaum Beine machen. Von Katja Irle

Katja Irle ist Bildungsredakteurin der Frankfurter Rundschau.
Katja Irle ist Bildungsredakteurin der Frankfurter Rundschau.
Foto: FR

Reformen an Schulen bewegen sich normalerweise im Schneckentempo. Wenn sie Pech haben, kommen sie gar nicht an, weil sie unterwegs vertrocknen. Wenn sie Glück haben, schleppen sie sich Jahre später matt über die Ziellinie.

Die Ganztagsschule ist so eine Schneckenreform - und auch die bildungsreisende Kanzlerin wird ihr kaum Beine machen, weil Bund und Länder sich nicht einig sind. Es hat lange gedauert, bis die Ganztagsschule als Alternative zur deutschen Halbtagsschule überhaupt in Erwägung gezogen wurde; denn sie stellte das klassische Familienbild in Frage. Morgens büffeln, mittags zu Muttern - so sind Generationen von Schülern groß geworden. Und das nicht mal schlecht.

Heute aber wünschen sich viele Eltern Ganztagsschulen, weil der Beruf ihnen Flexibilität bis zur Schmerzgrenze abverlangt. Zwar verfügt heute etwa jede vierte Schule über entsprechende Angebote, doch die sind weder ausreichend noch gut genug. Und wenn das 2003 unter Rot-Grün gestartete Bund-Länder-Programm zum Ausbau der Ganztagsschulen 2009 ausläuft, dann geht der Schneckenreform in vielen Bundesländern womöglich ganz die Puste aus. Der Bildungsgipfel im Oktober könnte das verhindern, doch bisher haben Merkel und Bildungsministerin Schavan vor allem Zuschüsse für Hochschulen und Forschung im Sinn, weil Schule reine Ländersache ist.

Diese Entwicklung ist umso bedauerlicher, als sich zeitgleich eine der seltenen Turbo-Schulreformen an der Schnecke vorbeigedrängelt hat. G 8, die Verkürzung des Gymnasiums von neun auf acht Jahre, haben viele Bundesländer im Spurt umgesetzt. Deshalb geriet und gerät die Verkürzung der Schulzeit vor allem im Westen, wo man damit anders als im Osten keine Erfahrung hat, mächtig unter Beschuss. Die hessische Kultusministerin Karin Wolff (CDU) hat das Turbo-Abi und seine übereilte Einführung sogar das Amt gekostet.

Schüler können auch in acht Jahren das Abi schaffen. Doch dafür fehlen in vielen Bundesländern bisher die Voraussetzungen: Erstens ist das Lernpensum nicht auf ein sinnvolles Maß reduziert worden. Und zweitens stößt das Turbo-Abi auf die Ganztags-Schnecke: Eilig drängen die Reformer ihre Schüler zum frühen Abschluss, während die Ganztagskonzepte nicht oder nur langsam vorankommen. Die Folge ist eine stupide Verlängerung des Unterrichts in den Nachmittag hinein. Einzig Rheinland-Pfalz hat vorgemacht, wie man beides sinnvoll verknüpft. Anstatt G 8 flächendeckend an allen Gymnasien einzuführen, ist das Turbo-Abi seit dem neuen Schuljahr nur an neun Gymnasien möglich, die ein fundiertes Ganztagskonzept vorweisen können.

Von guten Ganztagsschulen können aber nicht nur Turbo-Abiturienten profitieren. Ein Motiv der Länder für den Ausbau der Ganztagsangebote waren und sind die Brennpunktschulen, wo Kinder und Jugendliche besser gefördert werden sollen. Die Hoffnung dabei: Wer lange in der Schule ist, kann weniger anstellen und hat größere Chancen auf einen Abschluss.

All das wären gute Gründe, beim Wandel von der Halbtags- zur echten Ganztagsschule ein paar Gänge zu beschleunigen. Stattdessen muss man aber befürchten, dass die Reform auf ihrer langen Kriechspur durch Bund, Länder, Kultusministerien und Rektorate an Fahrt und Kontur verliert. Beim Bemühen der SPD um eine Fortsetzung des Ganztagsschulprogramms steht die CDU auf der Bremse. Sie sieht den Bund nach der Föderalismusreform nicht mehr in der Pflicht, weil direkte Investitionen in Schulen nicht mehr möglich sind.

Sollte auf dem Bildungsgipfel im Oktober dennoch ein Trick gefunden werden, das Ganztagsschulprogramm zu verlängern, würden die Länder wohl zustimmen, ansonsten aber auf ihre Bildungshoheit pochen: Zuschüsse ja, inhaltliche Vorgaben nein. Die Folge ist ein bunter Flickenteppich von Modellen, deren Qualität bedenklich schwankt. Es gibt Mogelpackungen, in denen die Schüler am Nachmittag nicht mehr als eine Fünf-Minuten-Terrine aus dem Automaten und eine verbogene Tischtennisplatte im Aufenthaltsraum vorfinden. Andere Schulen glänzen mit professioneller Hausaufgabenbetreuung, neuen Lernstrukturen und attraktivem Freizeitprogramm.

Höchste Zeit, dass Letzteres Schule macht und die Länder unabhängig von Bildungsreisen und Bildungsgipfeln bei der Schnecken-Reform den Turbo einschalten. Bei G 8 haben sie ja gezeigt, dass sie grundsätzlich zur Beschleunigung fähig sind.

Autor:  KATJA IRLE
Datum:  25 | 8 | 2008
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