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Leitartikel: Generation Biedermeier

Demo war gestern. Heute verstehen sich Studenten eher als passive Kunden marktorientierter Hochschulen. Sie konsumieren, was der Karriere dient - aus Angst vor dem Misserfolg. Von Katja Irle

Katja Irle ist Bildungsredakteurin der Frankfurter Rundschau.
Katja Irle ist Bildungsredakteurin der Frankfurter Rundschau.
Foto: FR

Der Leiter einer Hochschule in Süddeutschland versteht die Welt nicht mehr. Die Wirtschaft hatte seine Studenten immer mit Kusshand genommen, doch seit geraumer Zeit murren die Firmenbosse. Die Einser-Kandidaten seien ja super ausgebildet, bloß Persönlichkeit und einen eignen Kopf hätten sie nicht. Jetzt denkt der Rektor über Optimierungen nach. Ein neues Studienmodul soll's richten. Arbeitstitel: Persönlichkeitsbildung.

Den Studenten kommen die Soft Skills abhanden - um in der Sprache der Manager zu bleiben. Sprach die Shell-Jugendstudie noch von der "pragmatischen Generation", die zwar mit Scheuklappen, aber zielgerichtet gen Arbeitswelt unterwegs war, treffen Wissenschaftler der Universität Konstanz nun auf rat- und orientierungslose junge Menschen. Zumindest bei einem Teil der angehenden Akademiker scheint sich eine ähnliche Stimmung breitzumachen wie bei Jugendlichen ohne berufliche Qualifikation. Sie sehen sich auf der Verliererseite, obwohl es (bisher) keine Anzeichen für ein studentisches Prekariat gibt: Hochschulabsolventen sind deutlich seltener arbeitslos und ihr Einkommen liegt laut einer OECD-Studie im Schnitt 64 Prozent über dem von Arbeitnehmern ohne Studium.

Dennoch befürchtet der Hochschulforscher Tino Bargel, dass an den Universitäten eine Generation der "Teilnahmslosigkeit und Uneindeutigkeit, der Konventionalität und der labilen Demokraten" heranwächst. Nur noch 37 Prozent der Studenten interessieren sich demnach für Politik (1983 waren es noch 54 Prozent), vom persönlichen politischen Engagement ganz zu schweigen. Der Rückzug ins Private scheint in vollem Gange, Biedermeier statt Basisdemokratie.

Das ist erschreckend, aber nicht überraschend. Demo und Streik waren gestern. Seit den Protesten gegen Studiengebühren hat es kein nennenswertes Aufbegehren mehr gegeben. Zulassungsbeschränkungen? Bachelor? Master? Bafög? Die hochschulpolitischen Debatten führen die schrumpfenden Studentenvertretungen schon lange allein. Die Basis hat andere Sorgen.

Heute verstehen sich viele Studenten als passive Kunden einer marktorientierten Hochschulwelt, die sich immer weiter verschult. Die angehenden Akademiker konsumieren das, was dem eigenen Lebenslauf dient. Strategien der Nützlichkeit bestimmen ihr Handeln. Sie tun das nicht, weil sie Egoisten sind, sondern weil sie Angst vor dem Misserfolg haben und man ihnen seit Jahren eintrichtert, dass sie nur auf der Überholspur zum Ziel kommen. Mittlerweile erscheint die Globalisierung nur noch den Hochbegabten als Chance. Die anderen beginnen die Weltkonkurrenz zu fürchten, weil sie vielleicht zwei Sprachen mehr spricht, bereits zehn Praktika absolviert hat und trotzdem noch jünger in die Arbeitswelt startet als man selbst.

Wie zynisch muss es nun gerade dieser Generation vorkommen, wenn Unternehmer die Nase über zu viel Anpassung rümpfen. Schließlich haben sie den stromlinienförmigen Studenten maßgeblich mitgestaltet. Jetzt erkennen sie, dass beim Karriere-Wettlauf die Meinungsbildung auf der Strecke bleibt, aber ohne eine gehörige Portion Idealismus keine neuen Ideen entstehen.

Im Gegenteil: Es gibt Anzeichen dafür, dass auch Studenten immer weniger Konzepte für eine andere, eine alternative Politik haben. Stattdessen nimmt der Anteil derjenigen zu, die Angst vor "kultureller Überfremdung" haben. Ein Viertel plädiert für die Begrenzung der Zuwanderung, obwohl diese schon seit Jahren zurückgeht. Zu ähnlichen Ergebnissen kam bereits 2006 die Shell-Jugendstudie. Vor dem Hintergrund der aktuellen Wirtschaftskrise prognostiziert nun der Jugendforscher Klaus Hurrelmann, dass sich die "Verängstigungstendenzen bis weit in die gut situierte Mittelschicht hinein verstärken".

Die aktuelle Hochschulpolitik wäre gut beraten, der gefühlten Bedrohung etwas entgegenzusetzen: von der Zulassungsfrage über eine bessere Studentenbetreuung bis hin zur Wiederbelebung eines Studium generale, das die akademische Käfighaltung beendet und den Blick weitet. Warum belohnt man nicht die hochschul- oder gesellschaftspolitisch Aktiven, die es immer noch gibt? Die FH Erfurt beispielsweise vergibt Credit Points, wenn sich jemand außerhalb der Hochschule sozial engagiert. Der Kampf gegen rechts wird dort als Studienleistung anerkannt. Ein Extra-Seminar zur "Persönlichkeitsbildung" kann man sich dann sparen.

Autor:  KATJA IRLE
Datum:  7 | 3 | 2009
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