Das Kirchenvolk hat entschieden. Es hat Margot Käßmann, die vor einem Vierteljahr von allen Ämtern zurückgetreten war, als "Bischöfin der Herzen" zurückgeholt. 30.000 Menschen feierten die frühere EKD-Ratsvorsitzende auf dem Ökumenischen Kirchentag. Ihr Buch über Frauen in der Lebensmitte ist ein Bestseller. Und am Sonntag pilgerten 1500 Gläubige zum ersten Gottesdienst, den die 51-Jährige als einfache Pastorin in Hannover hielt. Nur drei Tage später soll Käßmann offiziell verabschiedet werden. Verkehrte (Kirchen-)Welt! Für die Christen in Deutschland ist Käßmann eine Leitfigur. Doch leitende Geistliche soll sie nicht mehr sein.
Dieser Widerspruch ist auflösbar - und zwar denkbar einfach. Die Bischofsneuwahl soll Ende November sein. Bis dahin hat die hannoversche Landeskirche reichlich Zeit, ihrer Bischöfin a.D. eine erneute Kandidatur anzutragen. Ein solcher Schritt wäre ohne Beispiel. Aber wer könnte besser mit diesem Präzedenzfall umgehen als Margot Käßmann, die so oft in ihrem Leben die Jüngste, die Erste, die Einzige war?
Eine Wiederwahl zur Bischöfin wäre die naheliegende Lösung für die unbeholfen-verkrampfte Suche nach Käßmanns künftiger Rolle. Insider ergehen sich in Metaphern: Für diesen Schatz müsse jetzt eine Vitrine gefunden werden. Dieses Gefäß hat die Kirche längst: Den Glauben verkünden, Menschen begeistern, Orientierung geben - das sind die vornehmsten Aufgaben des Bischofs. Und wenn die Maxime gilt, dass die Wahl stets auf den Besten fallen sollte, müsste die Sache in Hannover klar sein.
Zugegeben, für das Establishment, das sich gerade auf die Zeit nach Käßmann einstellt und aus dem heraus sich die Nachfolger in Stellung bringen, ist ein Rücktritt vom Rücktritt kein einfacher Gedanke. Ihn mit Totschlagsargumenten - Wie soll das denn gehen? Das gab´s ja noch nie! - abzutun, wäre allerdings eher ein Zeichen von Kleingeisterei als von evangelischer Freiheit. Es wäre übrigens auch traditionsvergessen: Ein "Plebiszit für Käßmann" ist keineswegs neumodisches basisdemokratisches Tamtam, sondern eine uralte Praxis. Es sind spektakuläre Fälle überliefert, wie Gemeinden ihre Wunschkandidaten auf den Bischofssitz applaudierten. So kam 373 der Kirchenlehrer Ambrosius von Mailand "per Akklamation" in Amt und Würden, obwohl er nicht einmal getauft war.
Aber hat nicht Käßmann nach ihrer Promillefahrt selbst den Schnitt gemacht? Kann sie überhaupt ihre Entscheidung revidieren, ohne als wankelmütig, zweideutig oder gar doppelzüngig dazustehen - was sie ja gerade verhindern wollte? Sie sprach damals von einem schweren Fehler, den sie zutiefst bereue. Um ihrer Integrität willen müsse sie die Konsequenzen ziehen.
Das war so folgerichtig wie folgenreich. Die berechtigte Debatte über den Autoritätsverlust einer "trunkenen Bischöfin" samt ihren hämischen Untertönen ist flugs umgeschlagen in Anerkennung und Lob: Da ist eine, die es erst gar nicht probiert mit der "Methode Pattex", sondern die in der Tradition Luthers "Ich kann nicht anders" sagt und geht. Damit war ihre Autorität just in dem Moment wiederhergestellt, in dem sie am meisten angekratzt war. Unterdessen hat sich auch erwiesen, dass der Fehltritt vom Februar ihre Glaubwürdigkeit nicht überschattet. Sie hat in München genauso scharf über den Afghanistan-Krieg geurteilt wie in ihrer Neujahrspredigt; sie hat dabei in Erinnerung gerufen, welcher Gegenwind ihr entgegenschlug - und hat eben dafür stürmischen Beifall bekommen.
Damit sind die wesentlichen Gründe für den Rücktritt entfallen. Es hat sich zudem gefügt, dass der Augsburger Bischof Walter Mixa nur kurze Zeit später den Gegenentwurf in Sachen "Würde" geliefert hat: leugnen, lügen, lavieren - und sich am Ende von oben aus dem Amt drängen lassen. Im Kontrast ist Käßmanns Verhalten umso charaktervoller - und umso rollenbewusster. Jedenfalls sind Mäkeleien speziell aus dem katholischen Lager längst verstummt, Käßmann habe ihr hohes geistliches Amt sausenlassen wie irgendein Pöstchen.
Weil Käßmann ohne einen Plan B gegangen ist, hat ihr Wort von der Reue Bestand - auch wenn sie zurückkäme. Gerade im Vergleich mit einem Mixa gilt unterdessen doch auch: Genug gebüßt, Frau Käßmann! Für die Kirche wäre ihre Rückkehr ins Amt der beste Beleg für das, was sie predigt. Glaubwürdigkeit ist nicht mit Fehlerlosigkeit zu verwechseln. Und: Es gibt die zweite Chance - kein billiges "Weiter so", sondern ein reflektiertes "Auf ein Neues".

Damir Fras ist unser US-Korrespondent
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