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20. April 2011

Leitartikel: Geschichten vom Tod

 Von 

Letzte Fragen? Lieber erst übermorgen. Wir neigen dazu, Themen wie Patientenverfügung oder Sterbehilfe zu verdrängen. Als alternde Gesellschaft können wir uns das schlecht leisten.

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Ostern fällt zeitlich auf den Sonntag nach dem ersten Frühlingsvollmond, nach dem gregorianischen Kalender also zwischen den 22. März und dem 25. April. Am Ostersonntag beginnt die sogenannte österliche Freudenzeit, die dann bis zum Pfingstfest dauert. Was in dieser Zeit als Überwindung des Todes gefeiert wird, ist nicht zuletzt auch das Ergebnis einer bemerkenswerten Umarbeitung des Schmerzes in ein Schauspiel symbolischer Leidverarbeitung. Wie wirkungsmächtig die Bilder vom sterbenden Christus sind, lässt sich am besten an Reaktionen von Kindern ablesen. Stärker noch als durch den an das Kreuz genagelten Christus zeigen Kinder sich beeindruckt von dem vom Kreuz abgenommenen Jesus in den Armen seiner Mutter Maria als Mater dolorosa. Der Mann mit den offenen Wunden liegt in den Armen der Mutter wie ein zu groß gewordenes Kind. Im Bild der Pietà sind die Schmerzen im Augenblick des Todes festgehalten, die doch zugleich als Stellvertreterschmerz eine Aufhebung des Leidens symbolisieren.

Ohne die Kraft des Glaubens infrage stellen zu wollen, die von dieser wirkungsmächtigen Ikonografiegeschichte immer noch auszugehen vermag, wird man feststellen können, dass das Bild seinen Einfluss vor allem auf strukturell junge Gesellschaften gehabt haben dürfte. In nahezu allen Mythologien finden sich Motive der Schmerzüberwindung und Panzerung, auch wenn mitunter ein kleines Lindenblatt die Stelle kennzeichnet, an der der gestählte Körper ungeschützt ist. Jung Siegfried kann mutig in den Kampf ziehen, auch wenn sich die Unverletzlichkeit als Trugschluss erweist.

Dem Tod ins Auge sehen

Eine alternde Gesellschaft setzt dagegen bestenfalls auf Gnade. An die mobilisierenden Kräfte, die von dem Versprechen einer Überwindung des Todes ausgehen, mag der Einzelne glauben. Als Rechtsgemeinschaft aber ist sie gut beraten, dem Tod und seinen Folgen ins Auge zu sehen.

Tatsächlich aber tun wir uns schwer mit Begriffen wie Patientenverfügung, Sterbehilfe und assistiertem Suizid. Aus einem allgemeinen Unbehagen heraus bitten wir um zeitlichen Aufschub. In der Auseinandersetzung mit dem Tod ist Prokrastination (das Verschieben auf später) unser tägliches Geschäft. Letzte Fragen? Lieber erst übermorgen. Den Rest besorgen Ethikexperten, die Theologie mit Rechts- und Moralfragen kreuzen. Einfache Antworten sind nicht zu haben.

Wer regelmäßig Umgang mit alten Menschen hat, der kann voller Demut lernen, wie auch sie die Kunst des Aufschiebens beherrschen und doch sehr nüchtern der eigenen Endlichkeit entgegensehen. Es ist die seltsame Begabung weiterzumachen, die sie von der Unrast der Jüngeren abhebt, die doch meist so tun, als ginge es jeden Tag ums Ganze.

Dabei hat die Auseinandersetzung mit dem Ganzen, das sich hinter dem Wort Patientenverfügung verbirgt, für die Alten längst stattgefunden. Meine Mutter (90) hatte vor Jahren einen Entwurf bereitgelegt, gleich unter ihrem Sparbuch. An der Unerbittlichkeit des juristischen Jargons störte sie sich nicht. Allein die täglichen Dinge hielten sie davon ab, den Weg zum Notar, dem nicht mehr ganz jungen Sohn einer befreundeten Rechtsanwältin, auch zu beschreiten. Sie unterschied sich darin nicht von ihren Kindern, die den Zeitpunkt noch nicht gekommen sahen. Sind Notartermine durch eine apokalyptische Grundstimmung gekennzeichnet, in der mit allem gerechnet wird, so ist der geleierte Text einer Patientenverfügung wie eine religiöse Litanei über die Vorwegnahme des eigenen Todes. Wer diesen Text unterschreibt, braucht Vertrauen – in den Notar wie in die Angehörigen. Das Vermögen wird taxiert, die nicht mehr ganz fernen Erbschaftsangelegenheiten werden geregelt. Es ist kein schöner Text, und feierlich wird die Szene allenfalls dadurch, dass man sie in intakter körperlicher und geistiger Verfassung abschließt. Das alles für den Moment, wo genau das nicht mehr der Fall sein könnte. Immerhin schien draußen die Sonne.

Die Diskussionen über die Legalisierung von Sterbehilfe und assistiertem Suizid münden schnell in kämpferischen Unvereinbarkeitsszenarien, in denen um rechtliches Terrain gekämpft wird und in denen dunkle Zivilisationsbrüche nicht unerwähnt bleiben. Als alternde Gesellschaft kommen wir aber nicht darum herum, letzte Fragen auf die Tagesordnung zu setzen. Es gibt zahlreiche Geschichten vom Tod, erlebte und erfundene, die Trost spenden können. Sie werden erzählt werden müssen, nicht nur zur Osterzeit.

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