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Leitartikel: Großes Experiment

Die Hochhaus-Türme werden abgetragen, damit aus einem Wohnsilo ein integriertes Viertel wird - gelingt es, macht das Beispiel Schule. Von Jutta Ochs

Jutta Ochs ist Lokalredakteurin der Frankfurter Rundschau.
Jutta Ochs ist Lokalredakteurin der Frankfurter Rundschau.
Foto: FR

Wer in eine Sozialwohnung zieht, der hat in den allermeisten Fällen ein tiefgreifendes Lebensproblem. Verarmung aufgrund von Krankheit, Scheidung, Arbeitslosigkeit sind die häufigsten Gründe, Aufnahme in öffentlich geförderten Wohnraum zu erbitten. Es ist mittlerweile eine gesicherte Erkenntnis, dass es nicht gut tut, wenn ausschließlich Menschen in Nöten in einer Siedlung zusammen wohnen. Das Leid wird nicht geteilt, es potenziert sich. Leider kam diese Erkenntnis ein wenig spät. Denn da standen schon längst die Wohnhochhaus-Siedlungen der 70er Jahre, die Menschen mit Sorgen auf etwa 20 Stockwerken gleichsam übereinander stapelten. So wie Im Mainfeld in Niederrad.

Die städtische ABG Frankfurt Holding, Eigentümerin dieser Hochhaussiedlung, hat sich nun zu einem recht spektakulären Schritt entschlossen: Sie will die Hochhäuser "zur Seite legen", das heißt abtragen, auf etwa sechs Stockwerke reduzieren. Auf den großzügigen Freiflächen in der Siedlung soll es neuen, niedrigen Wohnungsbau geben. Dem Eindruck des Wohnsilos werde so entgegengewirkt, Probleme würden "entzerrt". Es ist stark zu vermuten, dass es in den um- und neu gebauten Häusern nicht mehr hauptsächlich Sozialwohnungen geben wird. Es wird "durchmischt", damit die einen die anderen stabilisieren, so die Idee.

Das Projekt der ABG ist deshalb so interessant, weil es Lösungen für ein Problem sucht, das auch in vielen europäischen Nachbarländern existiert. Eben die Hochhaussiedlung für die sozial schlechter Gestellten, oft am Rande der Stadt gelegen.

Ob in den Niederlanden, in Großbritannien oder Frankreich: Überall haben sich diese gedankenlos aufgeschütteten Wohnungsgebirge zu sozialen Problemzonen entwickelt. Das liegt nicht nur an der Höhe der Häuser, an der trostlosen Waschbeton-Architektur. Aber auch. Es wurden und werden Sozialarbeiter in die Viertel geschickt, schöne Spielplätze und Nachbartreffs errichtet, es werden Angebote erfunden, die orientierungslose und wütende Jugendliche auch wirklich erreichen. Oft reicht aber auch das nicht aus. Das Stigma der problematischen Hochhaus-Sozialsiedlung werden die Bewohner nicht mehr los. Und es scheint auch so, als würde trotz verschönertem Umfeld die hässliche Architektur unverdrossen Böses bewirken.

Die ABG hat sich nun also entschlossen, zumindest ein großes Übel mit der Wurzel auszureißen. Die Häuser standen zur Sanierung an, etwas hätte ohnehin geschehen müssen. Die Wohnungsgesellschaft hat sich für ein großes Experiment entschieden.

Klar ist: Funktioniert dies gut, treten die erhofften Erfolge der Aufwertung, der Integration in den Stadtteil ein, dann wird es nicht bei dieser einen abgetragenen Siedlung bleiben. Es gibt in Frankfurt noch eine ganze Reihe von Hochhausbauten aus den 70er Jahren, die dringend aus der Skyline verschwinden sollten.

Autor:  JUTTA OCHS
Datum:  24 | 4 | 2009
Kommentare:  4
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