Wikileaks hat mal wieder Hunderttausende Unterlagen an die Öffentlichkeit gebracht. Diebstahl. Ja, sicher. Nur ist mit diesem Wort wenig geholfen. Offenbar ist es extrem schwierig, selbst delikate Daten – wenn sie erst einmal in irgendeinem Netz sind – geheim zu halten. Man kann „Haltet den Dieb“ rufen. Aber man sollte ihm dankbar sein. Denn er zeigt, wie leicht man einbrechen kann. Die Schlussfolgerung aus dem Leck wird mit Sicherheit nicht die Abschaffung der Geheimdiplomatie sein, sondern der Aufbau neuer Sicherheitswälle. Man wird auch die Verbreitung sensibler Daten innerhalb der Behörden reduzieren.
Die Macht hat immer Geheimräume geschaffen – und immer wieder versucht in Geheimräume von anderen Mächten oder auch von Einzelnen einzubrechen. Jetzt findet diese Auseinandersetzung auch in den Zwischenräumen von Inter- und Intranet statt. Man nennt das Fortschritt.
Die Bundesregierung sieht das Verhältnis zu den Vereinigten Staaten nicht beeinträchtigt. Das Verhältnis zwischen beiden Staaten „ist robust, fest und in keiner Weise durch diese Veröffentlichungen getrübt“, sagte Regierungssprecher Steffen Seibert am Montag in Berlin. Zwischen beiden Ländern gebe es eine in Jahrzehnten gewachsene tiefe Freundschaft, die auf solch gemeinsamen Werten beruhe, „dass sie durch diese Veröffentlichungen nicht ernsthaft beschädigt wird“. Die Bundesregierung bedauere die illegale Veröffentlichung der Dokumente, sagte Seibert. Die Unterlagen würden eingehend geprüft. Außenminister Guido Westerwelle verurteilte die Veröffentlichung der Dokumente. Dadurch könnten Menschen in große persönliche Schwierigkeiten kommen. Dass er selbst in diplomatischen Depeschen der Berliner US-Botschaft wenig schmeichelhaft beschrieben worden sein soll, spielte Westerwelle herunter. „Es soll nicht zu lässig klingen, aber ich habe von Ihnen schon andere Dinge lesen müssen“, sagte er zu Journalisten in Berlin. „Das ist so unbedeutend.“ Westerwelle war angeblich als arrogant und aufbrausend charakterisiert worden.
Außenminister Carl Bildt verurteilt die Veröffentlichung vertraulicher diplomatischer Mitteilungen durch das Enthüllungsportal Wikileaks als „gefährlich für die Lösung von Konflikten“. Ohne die Möglichkeit zu vertraulichen Konsultationen "bekommen wir eine Megafon-Diplomatie. Die kann zu mehr Konflikten und neuen Problemen führen, wie ich aus eigener Erfahrung weiß“. Das politische Ziel hinter den jüngsten Veröffentlichungen sei es, "den USA zu schaden.“ (dpa)
Justizminister Robert McClelland kündigte an, den USA bei einer Strafverfolgung von Wikileaks und seinem Mitbegründer Julian Assange zu unterstützen. Schließlich gefährde die Veröffentlichung von zehntausenden diplomatischen Depeschen die USA und ihre Verbündeten, darunter Australien. Auf die Frage, ob Assange nun der meistgesuchte Australier sei, antwortete McClelland, die USA wollten ein Verfahren gegen ihn einleiten „und wir werden jede Hilfe leisten, die man von uns verlangen kann“. Er habe die australische Polizei beauftragt, zu prüfen, ob die Veröffentlichung der Geheimdokumente durch Wikileaks gegen australisches Recht verstoße. Auch ein Untersuchungsausschuss der Regierung werde sich mit den Dokumenten beschäftigen. (afp)
Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan bewertete die Veröffentlichung der Dokumente als fragwürdig. Seine Regierung werde die Wikileaks-Unterlagen aber prüfen. (dpa)
„Derart sensible Dokumente hätten nicht auf diese Weise offengelegt werden dürfen“, sagte der Sprecher des Außenministeriums, Abdul Basit. Unter anderem soll Washington Pakistan im Jahr 2007 aus Angst vor einem Angriff radikaler Islamisten dazu gedrängt haben, hoch angereichertes Uran aus einer Nuklearanlage zu entfernen. Dies habe die Regierung in Islamabad aber abgelehnt. „Die Dokumente zeigen deutlich, dass die pakistanische Führung genau weiß, das Atomprogramm zu verteidigen“, sagte Basit. (dpa)
Ein Sprecher von Ministerpräsident Wladimir Putin äußerte sich zurückhaltend. „Vor Abgabe eines Kommentars müsste man erst das Originaldokument sehen und zudem prüfen, ob der eine andere andere Ausdruck korrekt übersetzt wurde“, sagte Dmitri Peskow. Jede schnelle Reaktion auf eine angebliche Einschätzung Putins durch US-Diplomaten wäre verfrüht. „Erst wenn man weiß, dass es sich bei der erwähnten Person wirklich um den russischen Regierungschef handelt, könnte man sich äußern.“ In den US-Dokumenten wird Putin als „Alpha-Rüde“ charakterisiert. (dpa)
Ministerpräsident Silvio Berlusconi habe „gut gelacht“, als er vom Inhalt der Depeschen erfahren habe, berichtete die italienische Nachrichtenagentur Ansa unter Berufung auf Vertraute Berlusconis. Die britische Zeitung Guardian berichtete, dass US-Diplomaten Berlusconi als „inkompetent, aufgeblasen und ineffektiv“ beschrieben. In einem weiteren Dokument sei der italienische Regierungschef als „physisch und politisch schwach“ dargestellt worden. Seine „Vorliebe für Partys“ halte Berlusconi davon ab, genügend Erholung zu bekommen. (afp)
Staatspräsident Mahmud Ahmadinedschad bezeichnete die Dokumente als wertlos. Er zeigte sich überzeugt, dass die Enthüllungen keine Folgen für die Beziehungen des Iran mit den arabischen Ländern haben würden. „Diese Dokumente verfolgen bestimmte politische Ziele. Sie sind eine gewisse Art von Geheimdienst-Spiel und haben deshalb keine einzige legale Grundlage“, sagte Ahmadinedschad bei einer Presse-Konferenz in Teheran. Laut den von Wikileaks veröffentlichten geheimen US-Depeschen haben Saudi-Arabien und Bahrain die USA seit längerem aufgefordert, die Fortsetzung der iranischen Atomprogramme mit allen Mitteln, sogar militärischer Art, zu stoppen.
Es ist gut, dass diese Geheimräume immer wieder aufgebrochen werden. In den seltensten Fällen haben wir den Regierenden dann dabei zusehen können, wie sie Gutes taten, ohne darüber zu sprechen. Meist wurden wir mit Gräueltaten konfrontiert. Mit den Bildern von jungen Männern zum Beispiel, die aus sicheren Hubschraubern auf unbewaffnete Zivilisten, auf Kinder schossen.
Als die Allianz – gepriesen sei Rot-Grün dafür, dass es Deutschland da heraushielt – im Irak einmarschierte, tat sie es, weil die Geheimdienste behaupteten, „Beweise“ oder doch sehr starke „Hinweise“ darauf zu haben, dass Saddam Hussein über Massenvernichtungsmittel verfüge. Bis heute sind die nicht entdeckt worden. So schön es ist, dass Saddam Hussein gestürzt wurde, er hatte keine Massenvernichtungsmittel, und sein Sturz war diesen jahrelangen Krieg mit Zehntausenden Toten nicht wert. Hätte Wikileaks im März 2003 die geheimen Unterlagen der Bush-Regierung veröffentlicht, hätte der britische Premier Tony Blair sich im Kabinett nicht gegen den starken Widerstand durchsetzen können.
Die Bevölkerung hat keinen Grund, den Regierenden zu vertrauen. Sie tut gut daran, immer wieder auf Offenlegung und Veröffentlichung zu dringen. Für den Wähler gilt wie für den guten Bolschewisten: Vertrauen ist gut. Kontrolle ist besser.
Die Berichte aus den Botschaften zu lesen mit den Einschätzungen des Berliner politischen Personals, ist eine eher heitere Lektüre. Wer soll denn allen Ernstes angenommen haben, irgendjemand in der weiten Welt halte Guido Westerwelle in der Rolle des Außenministers für die ideale Besetzung? Diese Berichte sagen niemandem etwas Neues. Sie zeigen allenfalls, dass nicht nur Journalisten bei den Politikern abschreiben, sondern auch Politiker bei den Journalisten.
Was von diesen Berichten auf welche Weise Eingang in die kleinen grauen Zellen der Entscheider gefunden hat, wissen wir nicht. Es sind Akten. Eine einzige witzig-souveräne Äußerung Westerwelles zu Frau Clinton oder gar Barack Obama gegenüber würde diese Papierberge zu Makulatur werden lassen.
Jeder dieser Texte muss interpretiert werden. Wir müssen eine Ahnung bekommen, von wem er für wen mit welchem Interesse geschrieben wurde. Ist es wirklich wahr, dass Saudi-Arabien und andere Nahoststaaten den Präsidenten der USA bedrängten, gegen den Iran vorzugehen? Oder munitionierte hier jemand die Falken in der US-Regierung, die das sowieso vorhaben? Diese Funde sind mindestens so interpretationsbedürftig wie die Stasiprotokolle. Das ist kein Argument gegen ihre Veröffentlichung, das ist ein Argument dafür, sie sich genau anzusehen, sie nicht beim Wort zu nehmen, sondern sie einzuordnen.
Es ist wunderbar, dass wir diese Akten lesen können. Sie zeigen uns, wie menschlich-allzumenschlich es auch in der Diplomatie zugeht. Dieser FDP-Mann zum Beispiel, der in den Koalitionsverhandlungen sitzt und sein Protokoll gleich der US-Botschaft weitergibt – das hat doch etwas Rührendes. Nur von ihm möchte ich nicht hören, dass Wikileaks eine Räuberbande ist.
Wenn Wikileaks so weitermacht, wird die Internetplattform nicht nur den Regierenden das Regieren erschweren, sondern auch uns das Regiertwerden. Wir Bürger werden immer weniger uns darauf hinausreden können, wir hätten nichts gewusst. Wir werden genau wissen, und wir werden darum auch viel stärker einbezogen werden in das, was getan werden muss. Das Leben wird unbequemer werden. Wir werden uns öfter engagieren müssen. Es gilt wieder: Mehr Demokratie wagen!

Damir Fras ist unser US-Korrespondent
Olivia Schoeller berichtete zuvor aus Washington
Daniel Haufler ist Redakteur im Ressort Meinung
Countdown für Obama - das Weblog zur US-Wahl
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