Eine Nonne tunkt einen kleinen Jungen so lange in eiskaltes Wasser, bis er fast ertrinkt. Eine Heimleiterin läuft mit Peitsche und Lederkleidung durch das Mädchen-Erziehungsheim in Guxhagen-Breitenau und verbreitet Angst und Schrecken. Ein Priester vergewaltigt ein kleines Mädchen nach der Beichte "im Namen Christi".
Einzelfälle? Mitnichten. Wer den Opfern zuhört, bekommt in Serie ein Szenario aus Gewalt und Missbrauch geschildert. Das Grauen in den hessischen Kinderheimen hatte in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg offenbar ein tiefschwarzes System, über das nichts nach draußen dringen sollte.
Dass der Runde Tisch Berlin der Arbeitsgemeinschaft Kinder- und Jugendhilfe dieses finstere Kapitel aufgegriffen und auch an die Bundesländer verwiesen hat, um endlich die Unrechtsschicksale aufzuarbeiten, ist lobenswert. Und, wie die Anhörung im hessischen Sozialausschuss deutlich gemacht hat, auch absolut nötig.
Denn neben den psychischen und körperlichen Qualen der Heimkinder vor allem in den 50er und 60er Jahren mussten die Zöglinge vielfach auch Schwerstarbeit leisten - bei geringster Entlohnung. Erst von 1972 an führten einige Träger überhaupt Sozialabgaben ab. Die Folgen dieses dunklen pädagogischen Kapitels in den Anfangsjahren der Bundesrepublik sind für die Betroffenen also bis heute auch finanzieller Natur, etwa bei Rentenansprüchen.
Es verwundert auch wenig, dass die Opfer, die vielfach zu Unrecht und grundlos in die Anstalten mussten, zudem Entschädigungszahlungen fordern. Der Runde Tisch Berlin wird sich auch mit dieser rechtlich so schwierigen Frage auseinandersetzen und bis Ende 2010 eine Empfehlung vorlegen.
Beim Thema Wiedergutmachung zählt ebenso die Frage nach den Tätern. Zum Auftakt des Runden Tisches haben sich Vertreter der katholischen und der evangelischen Kirche bei den Opfern für das an ihnen begangene Unrecht in den Heimen in kirchlicher Trägerschaft entschuldigt. Auch der Landeswohlfahrtsverband beispielsweise hat sich bereits vor drei Jahren entschuldigt.
Viele Zöglinge wollen zwar keine Entschuldigungen hören, "weil ich das nicht akzeptieren kann", wie ein Mann es jetzt in Wiesbaden formulierte. Aber auch diese Opfer drängen darauf, dass sich Kirchen, Jugendämter und Behörden aktiv mit ihrer oft derart finsteren Rolle auseinandersetzen.
Es geht nicht nur um Einzelschicksale, sondern auch um ein System struktureller Gewalt in den Heimen, das unbedingt gründlich aufzuarbeiten ist.
Ein Anfang ist gemacht. Er war mehr als überfällig. F30