Eigentlich hat die Deutsche Islam-Konferenz mehr Baustellen aufgemacht als abgebaut. Flächendeckender islamischer Religionsunterricht? Fehlanzeige. Religionslehrerausbildung? Kein Fortschritt. Geld für mehr Bildungsförderung bei Muslimen? Nein. Wo ist jetzt der Ansprechpartner, mit dem der Staat Verträge schließen? Nicht in Sicht. Zwar hat die Konferenz einen Berg von Papieren ausgeworfen: zur Werteordnung des Grundgesetzes, zu Moscheebauten, Schwimm- und Sexualkundeunterricht, Sicherheit. Aber was praktisch daraus werden kann, hängt von anderen ab - Ländern, Moscheevereinen, Schulen.
Wolfgang Schäuble hatte mehr vor. Nach zwei, drei Jahren, sagte er zum Auftakt 2006, werde die Islam-Konferenz "greifbare Ergebnisse" vorlegen. Daraus ist nichts geworden, die gut vier Millionen Muslime sind weiterhin Lichtjahre von einer Gleichstellung mit Katholiken, Protestanten und Juden entfernt. Trotzdem ist Schäubles tumultiger runder Tisch ein großer Erfolg. Denn "der Islam" in Deutschland hat nun Gesichter - und zwar viele verschiedene: radikale, orthodoxe, fromme, liberale, säkulare. Und in dieser Breite ihres Spektrums stellen sich die Muslime: Sie legen offen, was sie wollen und was nicht. Weil sie konkrete Wünsche an den Staat haben, akzeptieren auch die meisten Hardliner unter ihnen notgedrungen, wie lästig der Diskurs in einem plural verfassten Staatswesen sein kann - und wie unabdingbar. Die Muslime unterwerfen sich der Streitkultur der offenen Gesellschaft - damit ist Deutschland Teil des Islam geworden und hat ihn schon verändert. Ein unumkehrbarer Fortschritt, der ohne die Islam-Konferenz unmöglich gewesen wäre.
Ein weiteres Verdienst des Schäuble-Experiments: Die Konferenz hat die Vielfalt des Islams nicht nur gezeigt, sie hat sie gefördert und wachsen lassen. Wir haben jetzt amtlich, dass die orthodoxen islamischen Verbände, die gern ein Vertretungsoligopol beanspruchen, nicht einmal ein Viertel der Muslime hierzulande vertreten. Deshalb ist es ein Muss, bei der nächsten Runde der DIK nach der Bundestagswahl noch mehr qualifizierte Muslime und Musliminnen an den Tisch zu holen, die nicht aus dem Verbandsislam kommen. Muslimische Sozialarbeiter, Lehrer, Theologinnen etwa, aber auch neue Initiativen, die ein organisiertes Gegengewicht zu konservativen Männerbünden wie Islamrat und Zentralrat bilden. Spannend wird sein, ob die unorganisierten Muslime, die jetzt laut ihren Unmut über die Übermacht der Verbände äußern, es schaffen, sich zu formieren.
Der Innenminister hat recht, wenn er sich Verzahnungen der Islam-Konferenz in den Bundesländern wünscht. Islamischer Religionsunterricht, Bildungsdefizite von Muslimen - dies und anderes mehr sind Felder, auf denen Länder, Kommunen und die muslimischen Organisationen an der Basis gefragt sind. Ohnehin ist die staatlicherseits gehegte Illusion, mit der Islam-Konferenz schnell einen zentralen Ansprechpartner etwa für islamischen Religionsunterricht und Lehrerausbildung zu gewinnen, angesichts der Friktionen innerhalb der Muslime zerplatzt wie eine Seifenblase. Ein Reigen runder Tische dürfte eher geeignet sein für konkrete Verhandlungen.
Strukturen pluraler Frömmigkeit sind der deutschen religiösen Landschaft nicht fremd, sie sind im Gegenteil vom Grundgesetz gewünscht. Auch im christlichen Raum existieren neben den katholischen Bistümern und evangelischen Landeskirchen zahlreiche kleine Freikirchen und Zirkel mit beachtlichen Privilegien. Gerade erst hat das Bundesverfassungsgericht einer kleinen jüdischen Gemeinde in Brandenburg recht gegeben, die mehr Rechte gegenüber dem großen, anders ausgerichteten Landesverband eingeklagt hatte. Religiöser Pluralismus, so die Richter, ist verfassungsrechtlich geschützt und muss vom Staat bei der Förderung von Religionsgemeinschaften beachtet werden.
Der Spruch könnte über die jüdische Szene hinaus Wirkung zeigen; denn er stärkt deutlich diejenigen unter den Religiösen, die sich nicht mehr von einer zentralen Verbandsinstanz vorschreiben lassen wollen, was sie zu glauben und wie sie zu leben haben. Selbstbestimmte Frömmigkeit ist im Kommen, religiöse Verbandsmonopole sind unerwünscht. Auch insofern liegt der Islam, so wie er seit der Schäuble-Konferenz dasteht, voll im deutschen Trend: Kein Verband kann allein die Breite muslimischen Lebens vertreten, viele müssen mitbestimmen. Und die Politik ist in der Pflicht, sie zu unterstützen.

Damir Fras ist unser US-Korrespondent
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