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Leitartikel: Italien flottmachen

Das Land kann enorme Kräfte mobilisieren. Doch ist es auch zerrissen und ängstlich, verzweifelt auf der Suche nach mehr Anerkennung und dabei gefangen in den Kräften des Systems.

 Kordula Dörfler
Kordula Dörfler

Das Bild hat enorme Symbolkraft: Die havarierte Costa Concordia, dieser vor der Insel Giglio gestrandete stählerne Koloss, bewegt Menschen auf der ganzen Welt. Schließlich ist die Havarie ein Stoff wie aus einem Film, mit allen Zutaten eines großen Melodrams. Es handelt von tragischen Schicksalen auf einem „Traumschiff“, von Helden und Antihelden, nach denen unsere Mediengesellschaften so lechzen. Und von der Gewissheit, dass es am Ende meist der Mensch ist, der solche Katastrophen verursacht.

Im tief schockierten Italien indessen hat die Concordia noch eine ganz andere Deutung erhalten. Seit dem Unglück wird heftig debattiert, ob das Schiff nicht auch für den Zustand des gesamten Landes steht. Leichtfertig geführt von einem wie Kapitän Francesco Schettino, der dann, wenn es ernst wird, von Bord geht und die Menschen ihrem Schicksal überlässt. Da ist es nicht weit zur Politik, zu Silvio Berlusconi, der sein Land fröhlich und ohne Skrupel in den Abgrund steuerte, auch wenn dieser Kommandant am Ende nicht ganz freiwillig ging. Der Vergleich ist ebenso verführerisch wie vereinfachend.

Es wird lange dauern, bis geklärt sein wird, was in jener Nacht des 13. Januar genau vor Giglio passiert ist – wenn überhaupt jemals die ganze Wahrheit zutage kommen wird. Klar ist bisher nur, dass das Versagen des Kapitäns sehr schwer wiegt. Klar ist unterdessen aber auch, dass nicht nur er sträflich leichtsinnig und verantwortungslos gehandelt hat. Auch die Reederei, die von Anfang an versucht hat, alle Schuld auf Schettino abzuladen, spielt eine unrühmliche Rolle. Schlampige Wartung, schlecht ausgebildetes Personal, unzureichende Vorbereitung auf den Ernstfall, die Liste der Vorwürfe ist lang und reicht bis zu den durchaus erwünschten „Verneigungen“ der Kreuzschiffe. Bessere Werbung als solche Events kann sich eine boomende Branche, die erbittert um Kunden kämpft, kaum vorstellen. Gestört hat das bisher kaum jemanden, auch nicht die Hafenkommandaturen und schon gar nicht die Passagiere. Offenbar bedurfte es erst eines Unglücks solchen Ausmaßes, damit diese Praxis hinterfragt wird.

Geradezu verzweifelt hat Italien nach den „Helden“ der Tragödie gesucht. Einer zumindest war rasch gefunden. Der diensthabende Offizier in der Hafenkommandatur von Livorno, Gregorio De Falco, ist zum Inbegriff des anderen, des besseren Italiens stilisiert worden, zum Anti-Schettino, ja zum Anti-Berlusconi, weil er das tat, was von ihm erwartet wurde, nämlich seine Pflicht. De Falco hat das Attribut „Held“ strikt zurückgewiesen. (Es half nichts, er ist jetzt eine Kultfigur; die T-Shirts mit dem Aufdruck „Gehen Sie an Bord, verdammt“ verkaufen sich wie warme Semmeln.)

Und es gibt ja noch viel mehr „Helden“ bei diesem Unglück. Die, die auf dem sinkenden Schiff versuchten, Menschen zu retten, die Bewohner von Giglio, die halfen, ohne viel zu fragen, die aberhundert Einsatzkräfte, die unter Lebensgefahr im Wrack noch immer nach Überlebenden suchen.

Italien kann enorme Kräfte mobilisieren, das stellt es nach jeder Katastrophe eindrücklich unter Beweis. Doch ist es auch ein zerrissenes, ängstliches Land, eines voller Widersprüche, das sich verzweifelt nach mehr Anerkennung sehnt und dabei gefangen ist in den Kräften des Systems. Seit ein paar Wochen wird es von einem neuen (Anti-)Helden geführt, dem spröden, aufrechten Ministerpräsidenten ad interim Mario Monti, dem Anti-Berlusconi schlechthin. Er steht vor der schier unlösbaren Aufgabe, innerhalb weniger Monate das nachzuholen, was Generationen von Politikern versäumt haben. Monti muss in Rekordtempo die Staatsfinanzen sanieren, andernfalls droht Italien die gesamte Eurozone zu gefährden. Gelingen kann das aber nur, wenn er zugleich die Wirtschaft ankurbelt und das Land modernisiert. Dass das dringend notwendig ist, darin sind sich in Italien immer alle einig, solange es sie nicht direkt betrifft.

Monti bekommt nun die Reformresistenz einer Gesellschaft zu spüren, die von Klientelismus geprägt ist. Seit Montag legen Lastwagenfahrer aus Protest gegen seine Politik das Land von Bozen bis Palermo lahm, bis zum Ende der Woche drohen Benzin und Lebensmittel knapp zu werden. Auch das ist ein Bild mit Symbolkraft, ein Land in Totalblockade, in dem sich die Kräfte des Alten erbittert gegen das Neue wehren. Andere Berufssparten lassen schon die Muskeln spielen, die Gewerkschaften drohen mit Massenprotesten.

Es liegt an Monti, dem nicht einfach nachzugeben. Der Grat, auf dem er sich bewegt, ist schmal. Und doch hat Italien jetzt, unter dem Druck der Krise, die Chance sich zu reformieren. Die Kraft dazu hat es allemal. Es muss es „nur“ wollen. Sonst könnte die havarierte Concordia doch noch zum Sinnbild werden.

Autor:  Kordula Doerfler
Datum:  25 | 1 | 2012
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