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Leitartikel: Kampf um Shangri-La

Im Westen kursieren romantische Vorstellungen über das alte Tibet. Die Chinesen lassen nur die eigene Kultur gelten und billigen der Region allenfalls einen Folklore-Status zu. Von Karl Grobe

Dr. Karl Grobe ist Autor der Frankfurter Rundschau.
Dr. Karl Grobe ist Autor der Frankfurter Rundschau.
Foto: FR

Fünfzig Jahre nach seiner Flucht aus Tibet ist der Dalai Lama angesehener, populärer und als Gesprächspartner begehrter denn je zuvor. Im Westen. Zwar entwerfen die chinesischen Propagandisten ein ganz anderes Bild von ihm, doch sie haben es für sich allein. Auf dem durchaus düsteren Hintergrund aus ihrer Manufaktur gewinnt das West-Image des spirituellen tibetischen Führers erst recht an Strahlkraft.

Auf den Dalai Lama projizieren seine Bewunderer und Verehrer ihre eigene Vorstellung von reiner Geistigkeit, sanftmütiger Religiosität, umfassender Toleranz und Menschlichkeit. Dahinter wird die Vorstellung eines verlorenen Arkadien sichtbar, Shangri-La, Gegenentwurf zu einer auf das Materielle fixierten Zivilisation. Dieser "verlorene Horizont" irgendwo in Tibet ist eine 86 Jahre alte Fiktion, verfasst von James Hilton. Wenig hat das Idealbild von Tibet und vom Lamaismus, seiner Religion, in der öffentlichen Vorstellung außerhalb Chinas so sehr geprägt wie dieser Roman. Das fiktive Ideal färbt auf den realen 14. Dalai Lama ab und verstärkt seine Anziehungskraft. Es koloriert zudem das reale Tibet in Farben, die es so nie wirklich hatte.

Der Friedens-Nobelpreisträger in der Mönchskutte ist Gegenstand einer Idealisierung. Er weiß sie zu nutzen um seiner Sache willen - der Bewahrung tibetischer Kultur. Doch er durchschaut gewiss die Motive von Politikern, die seine Nähe suchen weniger um Tibets willen als wegen ihrer Verwendbarkeit gegen China. Versuchen, ihn zu diesem Zweck zu instrumentalisieren, hat er sich standhaft und mit der ihm eigenen Geduld widersetzt.

Anderen ist er ein willkommener Partner, die sein fleckenloses Image auf sich selber strahlen lassen und damit von den Makeln der eigenen politischen oder ökonomischen Karriere ein wenig ablenken. Wieder andere verweisen auf die Nähe zu ihm, um die eigenen Geschäfte zu befördern, und mancher bewundert ihn ehrlich und zuweilen naiv, in ihm eine Vollkommenheit erblickend, zu der das eigene Tun und Lassen nicht reicht. Schließlich gibt es viele (besonders im Exil der zweiten und dritten Generation), die ihm Laschheit vorwerfen und verlangen, er solle nun endlich zum Befreiungskampf mit allen Mitteln aufrufen.

All dies trägt nicht dazu bei, die Wahrheiten - ja, sie sind nur im Plural zu haben - über Tibet schärfer zu erkennen. Von der wohlwollenden Falsifikation Shangri-La war schon die Rede. Tibet war, bevor die chinesische Armee kam, nicht das Land Glückseligkeit. Es war ein feudales, von Mönchen und Lamas hierarchisch beherrschtes, armes Land; doch die brutale Sklavenhaltergesellschaft, die Pekings Propagandisten ausmalen, ist es nicht unbedingt gewesen.

Jene Propagandisten weisen auf materielle Fortschritte hin, die erst nach der Einrichtung der Autonomen Region (nach der Flucht des Dalai Lama) erreicht worden sind. Das ist richtig. Fernstraßen, Eisenbahnen, Krankenhäuser, Schulen, eine Universität - das Materielle ist messbar und ansehnlich. Wenn aber die Annäherung des Lebensstandards der fünf Millionen Tibeter an jenen der 1200 Millionen Han-Chinesen zugleich als Maß der Assimilierung ausgegeben wird, verschiebt sich das Bild zum Negativ. Dann wird das China von heute zur Zukunft Tibets, die alte Hochkultur muss zum folkloristischen Accessoire verkommen. Und es gibt keinen Notausgang.

Das ist die Kernfrage. Im Weltverständnis der tonangebenden Chinesen jeder politischen Couleur sind jahrtausendelang die weniger zivilisierten Nachbarvölker in der chinesischen Kultur allmählich aufgegangen. Minderheiten waren eben noch nicht Chinesen; Fortschritt der Zivilisation hat sie aber mit der Zeit zu solchen gemacht.

Gegenüber eigenständigen Hochkulturen - wie der tibetischen, wie der islamisch geprägten im fernen Westen - versagt dieses Konzept, gerade dann, wenn es Autonomie nur zulässt, solange diese sich an den engen Rahmen der Folklore hält. In der Konsequenz verlangt es den Anschluss; eine andere Modernisierung als die chinesische ist derzeit nicht zu haben, von der Integration ins Wirtschaftsleben bis zur Sprache höherer, Grenzen überschreitender Bildung.

Nun ist dies kein chinatypischer Sonderfall. Das Besondere ist das Interesse für Tibet in der Welt, stark gebunden an den Dalai Lama. Dessen Ziel ist vorderhand eine wahre Autonomie. In diesem China ist diese Autonomie nicht zu haben. Erst Föderalisierung und Demokratie könnten sie möglich machen. Die Hoffnung darauf wird sich zu Lebzeiten des 14. Dalai Lama wohl nicht erfüllen, aber sie wird ihn überleben.

Autor:  KARL GROBE
Datum:  9 | 3 | 2009
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