Wie funktioniert ein Kaufhaus? Da geht der Kunde rein und bekommt fast alles. Das Abendkleid für die goldene Hochzeit, ein paar Topflappen, Schallplatten, eine Couchgarnitur. Und nach erfolgreichem Einkauf gibt es im Restaurant unterm Dach ein halbes Hähnchen mit Pommes frites. Hier ist die Vergangenheitsform angemessen: So funktionierte ein Kaufhaus.
Die Ausprägungen dieser Spezies in Deutschland sind ein Produkt der 50er und 60er Jahre des 20. Jahrhunderts. Preiswert im eigentlichen Sinn, verlässlich, mittelmäßig. Bloß keine Experimente. Mit dem Konzept ließ sich lange gutes Geld machen. Und die Verkäufer/-innen verdienten ordentlich, es gab sogar eine Reihe von relativ großzügigen Zusatzleistungen.
Wer die Geschehnisse um Karstadt verstehen will, muss diese Vorgeschichte kennen. Sie ist wichtig, um nachzuvollziehen, warum die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi maßgeblich dazu beigetragen hat, den steinreichen Privatinvestor Nicolas Berggruen als Investor durchzusetzen. Die Kaufhäuser sind für die Gewerkschaft strategisch enorm wichtig, wegen ihres relativ hohen Organisationsgrads in der Einzelhandelsbranche, in der Gewerkschafter schon immer einen schweren Stand hatten.
Die Position der Arbeitnehmervertreter ist deshalb klar. Sie müssen die Kaufhaus-Bastion halten, müssen verteidigen, was zu verteidigen ist, sie müssen sich die Loyalität ihrer Mitglieder sichern und deshalb versuchen, möglichst viele der Besitzstände zu retten, die ihren Ursprung in jenen Hochzeiten des Kaufhauses haben. Und bei Karstadt mussten die Beschäftigten schon einige Zumutungen in Form von Lohnkürzungen ertragen. Da war Berggruen der Richtige. Er hat als Einziger der vier Bewerber unmissverständlich versprochen, dass es keine weiteren Einschnitte bei den Beschäftigten geben soll. Wenn er das mal durchhält.
Denn das klassischen Kaufhaus kommt nur noch in Schwundstufen vor. Die Möbelabteilungen sind längst perdu. Sortimente wurden eingedampft. Allerdings nur halbherzig. Karstadt-Manager und auch die des Konkurrenten Kaufhof klammern sich noch immer an die Konzepte der 1960er Jahre, das ist praktisch, weil damit Konflikte mit Gewerkschaften vermieden werden.
Im Fall von Karstadt kommt fortgesetztes Missmanagement hinzu. Seit Walter Deuss, ein Jurist mit Banklehre, anno 1982 den Vorstandsvorsitz übernahm, standen Finanzer an der Spitze des Konzerns, die nur bedingt das komplexe Kaufhaus-Geschäft verstanden. Kaufhausmanager müssen sich mit Logistik und Vertrieb auskennen, genauso wie mit Immobilien. Sie müssen improvisieren bei einem Kälteeinbruch im Winter und schnell reagieren, wenn im Sommer plötzlich alle merkwürdige Jesuslatschen haben wollen.
Das alles geht mit einem Käuferverhalten einher, das sich seit den 1960er Jahren radikal gewandelt hat. Kaufhof-Chef Lovro Mandac hat das als Umspringen vom Bedürfnisdecken zum Bedürfniswecken beschrieben. Das gilt zumindest für Standorte in Großstädten, wo das Einkaufen in Flagship-Stores und in neuen Einkaufszentren mit coolen Lounges zum Samstagserlebnis inszeniert wird. Das heißt aber nicht, dass Karstadt überall exakt so werden muss. Gut möglich, dass einzelne Filialen in kleineren Kommunen noch immer ihre Funktion als Grundversorger erfüllen können.
Genau darin liegt die Crux für Berggruen und seine Leute. Die Zukunft der Karstadt-Gruppe liegt in vielen individuellen Lösungen, die an die jeweilige örtliche Situation angepasst sein müssen. Das kann das Zerlegen von Häusern in mehrere selbstständige Geschäfte oder die Spezialisierung auf Sport- und Outdoorbekleidung bedeuten. Und unterm Dach, wo einst das Restaurant war, wird dann vielleicht ein Fitnessstudio sein.
Am Komplettumbau der Kaufhäuser geht kein Weg vorbei. Wichtigste Voraussetzung für sein Gelingen: Karstadt braucht endlich Manager, die wissen, wie der hiesige Handel tickt. Talentierte Führungskräfte gibt es dafür genug - bei Rossmann, Aldi oder DM. Aber auch die Gewerkschaften müssen sich umstellen. Das Verteidigen von Besitzständen und das Agieren auf der Ebene einzelner Betriebe reicht nicht mehr. Die Arbeitnehmer- und Arbeitgeberseite müssen Wege zur Jobtransformation entwickeln und zum Beispiel die Verkäuferin finden, die zur Fitnesstrainerin ausgebildet werden kann.

Damir Fras ist unser US-Korrespondent
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