Es gibt in Deutschland zehn Millionen Menschen, die eine Patientenverfügung niedergelegt haben. Es sind fast ausschließlich Gebildete aus dem Mittelstand, die diesen Schritt gegangen sind. Sie haben sich mit dem Ende ihres Lebens beschäftigt und die Konsequenzen, die sie aus den Gedanken um Leid und Sterben ziehen, zu Papier gebracht. Mit der Verfügung wollen sie sicher stellen, dass sie im Fall einer schweren Krankheit und dem Verlust ihres Bewusstseins nicht gegen ihre Vorstellung von einem guten Leben unnötig leiden müssen und nur noch mit Hilfe anderer Menschen oder medizinischer Geräte am Leben erhalten werden. Sie wähnen sich damit auf der sicheren Seite - und sind es doch nicht.
Ist die Patientenverfügung zu ungenau formuliert, kann sie der behandelnde Arzt zu Ungunsten des Patienten für weitere Therapien auslegen. Ist sie zu kleinteilig, kann sie im konkreten Fall mehr schaden als nützen, weil das Detail nicht auf den beklagenswerten Zustand zutrifft und der Patient die mögliche Hilfe, beispielsweise eine Schmerzlinderung über Infusion, nicht bekommt. Mehr als der Hälfte aller Deutschen ist der Sinn einer Patientenverfügung noch immer unklar, selbst wenn sie wissen, dass sich ein Arzt an ein solches Testament halten muss.
Seit Jahren müht sich der Bundestag, die Verwirrung zu lösen. Abgeordnete produzieren Gesetzesvorlage nach Gesetzesvorlage - heute wird wieder eine vorgestellt. Alle diese Unterfangen sind gut gemeint, aber vergebliche Mühe.
Krankheit, Leiden, Sterben und Tod gehören zu den großen Unbekannten im Leben. Das macht uns Angst in einer Welt, die immer wieder verspricht, fast alles sei beherrschbar, obwohl wir zugleich wissen, dass es nicht so ist. Mit Gesetzen und Verordnungen wird man diese Furcht nicht bezwingen können. Im Gegenteil: Je detaillierter und paternalistischer der Staat eingreift, desto größer ist entweder die Furcht, dass sich die Politik nun auch ins Intimste der Menschen einmischen will oder die Illusion, die Angst vor Leid und Tod ließe sich mit Paragrafen vertreiben.
Statt neuer Gesetze muss mehr Aufklärung her. Patientenverfügungen sind ein guter Anfang. Menschen, die sich mit dem Gedanken beschäftigen, ein solches Papier zu verfassen und nicht nur ein Formular ausfüllen, wissen um ihre Verletzbarkeit und ihre Endlichkeit. Sie merken beim Verfassen aber auch, dass ein solches Testament nur ein unzureichendes Mittel ist. Was sie heute niederschreiben, muss im Falle einer Krebserkrankung in zehn Jahren nicht mehr gelten. Die Auffassung von Lebensqualität ändert sich im Leben. Was heute als undenkbar scheint, kann morgen schon erträglich sein.
Die Anstrengungen, Patientenverfügungen juristisch absolut wasserdicht machen zu wollen, rühren vor allem aus dem Missbehagen, dass wir dereinst von Verwandten oder Fremden abhängig sein könnten, die das nicht wollen oder übergriffig werden. Der Alltag in Spitälern oder Altenheimen fördert leider solche Befürchtungen. Kein Gesetz der Welt wird das wirklich ändern. Da kann noch so viel formuliert und mit amtlichen oder notariellen Stempeln versehen werden.
Wir müssen uns auf Menschen einlassen, Beziehungen pflegen. Wir brauchen Freunde oder Angehörige, denen wir uns in besseren Zeiten anvertrauen können, denen wir erklären, was für uns ein gutes Leben ist und was unerträglich. Die es nicht abstoßend oder anmaßend finden, über Krankheit und Tod zu reden. Die den Mut haben, als von uns ernannte Bevollmächtigte dem behandelnden Arzt im Ernstfall bei der Interpretation der Patientenverfügung hilfreich zur Seite zu stehen oder gegebenenfalls auf die Finger zu klopfen.
Die Abgeordneten des Bundestags waren stolz, als sie 2007 den Rechtsanspruch eines jeden Bürgers auf ambulante palliative Medizin ins Gesetz geschrieben haben. Leider hat das bis heute fast keine praktischen Konsequenzen gehabt. Medizinische Sterbebegleitung ist für Todkranke dort, wo kein Hospiz zu erreichen ist, noch immer nicht zu haben. Politiker haben also Besseres zu tun, als Patientenverfügungen vermeintlich sicher zu machen. Sie müssen Sorge dafür tragen, dass Schmerztherapien und Palliativmedizin flächendeckend und bezahlbar für alle Patienten zu bekommen sind - nicht nur für die Mittelstandsbürger, die sich Vorsorge intellektuell und materiell leisten können. Am Ende sind doch alle Bürger gleich.
Seit Februar 2010 laufen Bauarbeiten am Stuttgarter Bahnhof. Diskussion, Hintergründe, Fotostrecken und mehr im FR-Spezial.
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