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Leitartikel: Kein neuer Sündenfall

Am Rande der Frankfurter Innenstadt muss Behutsamkeit das Gebot für Kommunalpolitiker und Investoren sein. Es verbieten sich maßstabssprengende Bauten. Von Claus-Jürgen Göpfert

Claus-Jürgen Göpfert ist Lokalredakteur der Frankfurter Rundschau.
Claus-Jürgen Göpfert ist Lokalredakteur der Frankfurter Rundschau.
Foto: fr

Frankfurt, die Stadt, setzt gerne Maßstäbe. Das gilt leider auch für ihre städtebaulichen - und architektonischen - Sündenfälle. Der jüngste feiert nun bald sein einjähriges Bestehen: Es ist das sogenannte "Palais Quartier" zwischen Zeil und Großer Eschenheimer Straße.

Als unlängst das Stadtvermessungsamt die ersten Fotografien von der diesjährigen Befliegung Frankfurts veröffentlichte, da war die Sünde von oben dokumentiert. Wie ein großer gestrandeter weißer Wal liegt das Zeil-Einkaufszentrum quer zur Fußgängerzone. Und dahinter ragen zwei grausilbern-glänzende Riesenpfeiler auf, das sind die 135 und 96 Meter hohen Hochhäuser des "Palais Quartiers".

Die beiden historischen Bauten aber in unmittelbarer Nähe erscheinen jetzt so winzig, dass sie kaum noch zu finden sind: Das Palais Thurn und Taxis, in seiner ursprünglichen Form 1748 entstanden, jetzt zu Füßen der Hochhäuser nur noch als verkleinerte Kopie rekonstruiert. Und der Eschenheimer Turm, Teil der alten Stadtmauer, Anfang des 15. Jahrhunderts errichtet. Diese historischen Bauwerke werden von den neuen buchstäblich degradiert. Das "Palais Quartier" sprengt jeden städtebaulichen Maßstab der Frankfurter Innenstadt.

Und die Architektur ist bestenfalls eine der Überwältigung, die Menschen zum Einkaufen anlocken soll. Mehr nicht: Damit ist ihr Zweck erfüllt. Öffentliche Räume, die zum Verweilen einladen, sind im Schatten der neuen Hochhäuser nicht entstanden.

Das also ist der jüngste Frankfurter Sündenfall. Und der nächste droht: Längst beschäftigen sich die Stadt und private Kaufleute mit der Zukunft des benachbarten Quartiers zwischen Großer Eschenheimer Straße, Stiftstraße und Bleichstraße. Dieses Viertel markiert den nördlichen Rand der Innenstadt - und es liegt noch näher am historischen Eschenheimer Turm.

Häuser aus den 50er Jahren sind hier zu finden, oft ein wenig heruntergekommen. Gegen eine Entwicklung dieser Grundstücke ist nichts einzuwenden.

Nur muss dort Behutsamkeit das Gebot für Kommunalpolitiker und private Investoren sein. Es verbieten sich maßstabssprengende Bauten, die erneut den alten Stadtturm in den Schatten stellen. Kein neuer Sündenfall: Der jüngste genügt.

Es macht Sinn, auf diesen Flächen nahe der ersten Wohnstraßen des Nordends neue Wohnhäuser im gleichen Maßstab, von gleicher Höhe zu bauen. Ein kleines Wohn-Hochhaus ließe sich allenfalls weit abgerückt vom Eschenheimer Turm vertreten. Mit Läden, Cafés, Restaurants, Büros, neuem Grün im Inneren kann ein Quartier mit Aufenthaltsqualität entstehen.Und wenn ein Kino dazugehört, ist es gut so.

Autor:  Claus-Jürgen Göpfert
Datum:  2 | 1 | 2010
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