Erst kam die Übelkeit. Es folgten Bauchkrämpfe und Kopfschmerzen. Irgendwann versagten die Nieren. Schließlich das Gehirn. Wann genau Rafael N. tot war, ist noch ungeklärt. Sein Lehrer fand ihn in seinem türkischen Hotelzimmer erst nach 20 Stunden. Im Sommer wollte Rafael den Realschulabschluss machen - und es vorher noch einmal richtig krachen lassen. Dass der Wodka, mit dem er sich betrank, mit Methanol gestreckt war und sich in seinem Körper in hoch giftige Ameisensäure verwandeln würde, konnte er nicht wissen. Ebenso wenig wie Jean-Pierre und Jan, die erst in Deutschland ihren Vergiftungen erlagen.
Hinterlassen haben die Jugendlichen nur Fragen: nach dem kriminellen Geschäft mit dem Alkoholpanschen, das in der Türkei offenbar Methode hat. Aber auch nach dem Sinn einer Klassenfahrt, in der es alles inklusive gab - selbst den Tod. Musste diese ausgerechnet in den türkischen Badeort Kemer, nur ein paar Kilometer von Antalya entfernt, führen, wo sich eine Bettenburg an die nächste reiht und das Spannendste möglicherweise noch die Hotelbar ist, weil Hochprozentiges ebenso im Preis inbegriffen ist wie das Rührei zum Frühstück?
Ist die Türkei überhaupt ungeeignet als Reiseziel für Schulklassen? Nein, das Interesse der Lübecker Schüler am Land fiel nicht vom blauen Himmel, schließlich stammten vier in der Klasse von hier. Etwas mehr über ihre Herkunft zu erfahren, mehr über die Wurzeln der vielen deutschen Kinder und Jugendlichen mit Migrationshintergrund, ist dabei nicht nur ein sympathischer Zug. Auch Integration funktioniert so. Und - Überraschung - weiterbilden kann man sich in der Türkei auch. Nicht nur, wenn die Frankfurter Buchmesse Kultur und Autoren des Landes entdeckt. Was sich aber im kleinen Kemer abgespielt haben muss, hat mit einer Klassenfahrt im eigentlichen Sinn nichts gemein - und taugt deshalb auch nicht als Motiv dafür, fortan lieber die Finger davon zu lassen. Weil, wie der Präsident des Deutschen Lehrerverbands, Josef Kraus, suggeriert, nun noch mehr Pädagogen die Verantwortung für saufwütige Jugendliche scheuen.
Ob die Schüler das "Anatolia Beach Hotel" vorsätzlich zum kollektiven Komasaufen angesteuert hatten, lässt sich derzeit nicht belegen. Dass die insgesamt sieben Jugendlichen, die sich abends an der Hotelbar trafen, aber etwas über den Durst tranken - es wäre lächerlich, an dieser Tatsache den Sittenverfall der Jugend festzumachen. Rafael, Jean-Pierre und Jan waren zwischen 17 und 21. Weder Bundeselternrat noch Lehrergewerkschaften pochen in diesem Alter auf absolute Abstinenz.
Und doch muss aus pädagogischer Sicht etwas grundlegend falsch gelaufen sein. Anders lässt sich nicht erklären, dass der - offenbar einzige - Lehrer vor Ort den verstorbenen Rafael erst fast nach einem ganzen Tag fand. Selbst wenn ein Lehrer rechtlich betrachtet keine Aufsichtspflicht gegenüber einem Volljährigen hat, lässt sich doch kaum erklären, warum ein Schüler so lange aus dem Blick geraten kann.
Genau dies darf nicht passieren - nicht im Unterricht und nicht in der gemeinsamen Freizeit. Gerade mit ihr bietet sich Lehrern ja die Chance, ihre Schüler besser kennenzulernen - nicht nur als Mathe-Niete oder Sprachtalent in der 45-Minuten-Momentaufnahme. Wo sonst, wenn nicht auf einer Klassenfahrt, können Lehrer erfahren, dass sich Peters Eltern scheiden lassen und er mit den Gedanken gerade überall, nur nicht im Unterricht ist. Oder dass sich der lernschwache Murat beim Zeltlager als Organisationstalent beweist.
Und nirgendwo sonst lassen sich Theorie und Praxis so sinnvoll miteinander verbinden: Eben noch Newton'sche Formeln gepaukt, um dann auf den Spuren von Sir Isaac in Cambridge zu wandeln - da prägt sich was ein. Im besten Fall sogar die Erkenntnis, dass auch Lehrer Menschen sind. Dass sie beim Theaterstück abends in der Jugendherberge vielleicht etwas zu steif agieren oder als Handwerker total talentfrei sind. Zuweilen sind sie sogar mit Humor gesegnet und brauchbar, wenn man jemanden zum Quatschen nötig hat.
Nur für eines ist eine Klassenfahrt total ungeeignet: zum puren Zeittotschlagen. Zum Komasäufer wird, wer nichts mit Freizeit anzufangen weiß. Dies zu vermitteln, ein pädagogisch anspruchsvolles Programm auf die Beine zu stellen und auch Verhaltensregeln aufzustellen, ist Sache der Lehrer. Mit Eltern und deren Kindern müssen sie rechtzeitig überlegen, wohin "die Reise" gehen soll.

Damir Fras ist unser US-Korrespondent
Olivia Schoeller berichtete zuvor aus Washington
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