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Leitartikel: Keine Panik, nur Vorsicht

An der Schweinegrippe scheiden sich die Experten. Wächst da ein Killervirus heran, oder beschaffen sich Pharmakonzerne nur neue Einnahmen? Ein Streit mit offenem Ausgang. Von Karl-Heinz Karisch

Karl-Heinz Karisch ist Wissenschaftsredakteur der Frankfurter Rundschau.
Karl-Heinz Karisch ist Wissenschaftsredakteur der Frankfurter Rundschau.
Foto: fr

Jeder Todesfall ist traurig. Zwei Menschen sind innerhalb weniger Tage in Deutschland an der Schweinegrippe gestorben. Müssen wir uns nun Sorgen machen, dass die bislang so harmlos verlaufene Krankheit jetzt doch auch in Deutschland ein schreckliches Gesicht zeigt? Nein. Für Medizin-Statistiker sind zwei Tote auf mehr als 22.000 bislang bestätigte Infektionsfälle - die nicht erfassten Fälle dürften weit darüber hinausgehen - eine äußerst niedrige Zahl.

An der normalen Grippe sterben jährlich mehrere tausend Menschen. Die beiden Toten hatten zudem schwere Grunderkrankungen, so dass das Schweinegrippe-Virus kaum allein für den dramatischen Verlauf verantwortlich gemacht werden kann. Ist also alles nur Panikmache, sind die Vorbereitungen zur größten Massenimpfung in der Geschichte der Republik nur eine riesige Geldspritze für die Pharmaindustrie?

Es gibt nicht wenige Kritiker, die dieser Meinung sind. Noch dazu, nachdem eine bislang nicht veröffentlichte Studie aus Kanada zu dem beunruhigenden Ergebnis gekommen sein soll, dass gegen herkömmliche Grippe geimpfte Personen ein höheres Risiko tragen, sich mit dem Schweinegrippe-Virus zu infizieren. Hat sich Noch-Gesundheitsministerin Ulla Schmidt von der Industrie über den Tisch ziehen lassen, als Bund und Länder Impfstoff für Millionen Menschen eingekauft haben? Noch dazu eine bislang wenig erprobte Vakzine, die mit einem umstrittenen Wirkverstärker versehen ist. Durch ihn können deutlich mehr Impfdosen hergestellt werden. Billigproduktion für die Industrie, hohe Kosten für die Krankenkassen.

Nun hat Ulla Schmidt, das muss fairerweise gesagt werden, sich laut über den massiven Druck des Impfstoff-Herstellers beklagt. Andererseits stand die Befürchtung im Raum, es könnte nicht genügend Impfstoff zur Verfügung stehen, um eine ausreichende Grundimmunisierung in der Bevölkerung zu erreichen.

Bei der Einschätzung der Gefahrenlage geht ein deutlicher Riss durch die Expertenwelt. Und leider kann heute keiner mit Sicherheit sagen, welche Seite recht hat. Jene, die übertriebene Vorsicht und Geschäftemacherei geißelt. Oder jene, die befürchtet, dass sich die verschiedenen Viren aus herkömmlicher Grippe, der neuen Schweinegrippe und eventuell noch aus der etwas aus dem öffentlichen Bewusstsein geschwundenen Vogelgrippe zu einem neuen Killervirus vermischen könnten.

Auf ein solches Horrorszenario mit möglicherweise Millionen Schwerstkranken haben sich Bund, Länder und Gesundheitseinrichtungen in den vergangenen Jahren sehr gut vorbereitet. Im Katastrophenfall kann heute effizient und schnell reagiert werden, die Krankenhäuser sind auf schwer infizierte und hoch ansteckende Patienten besser vorbereitet. Es sind heute ausreichende Mengen an Medikamenten eingelagert, die umfassende Impfstoff-Produktion läuft. All das gab es vor Jahren noch nicht.

Einen wichtigen Seitenaspekt hat die Schweinegrippe ohnehin mit sich gebracht: Die Menschen achten wieder mehr auf Hygiene. In den Zeiten vor Impfungen und Antibiotika war das - neben einer besseren Ernährung - der Hauptmotor, dass sich die Lebenszeit des Menschen deutlich zu verlängern begann. Was aber Großmutter noch wusste, das ging in den vergangenen Jahrzehnten leider oft verloren. Simples Händewaschen mit Seife ist eine der wichtigsten Handlungen zur Erhaltung unserer Gesundheit. Denn ein gewaltiges Heer von Viren, Bakterien und Pilzen würde sich nur allzu gern über diese gewaltige Biomasse Mensch hermachen, die den Planeten Erde bevölkert.

Die beiden anderen medizinischen Säulen zur Lebensverlängerung sind Impfstoffe und Medikamente gegen Keime. Das Schweinegrippe-Projekt ist teuer, möglicherweise wurde zu viel Geld dafür hergegeben. Die Diskussion darüber und über die medizinische Wirksamkeit ist wichtig. Aber der Vorwurf, hier werde sinnlos das Geld der Versicherten und Steuerzahler verschleudert, um die wohlhabende Pharmaindustrie noch reicher zu machen, greift zu kurz. Diese Kritiker müssten sich im Ernstfall nicht öffentlich für ihre dann falschen Annahmen verantworten.

Es sind Gesundheitspolitiker, die die Entscheidungen auf der Grundlage der Empfehlungen von Experten etwa des Robert Koch-Instituts fällen mussten. Sie haben im Grundsatz richtig entschieden.

Autor:  Karl-Heinz Karisch
Datum:  9 | 10 | 2009
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