Jetzt ist es amtlich: Deutschland hat eine zweite Großbank, die diesen Namen verdient. Die Allianz verkauft ihre Tochter Dresdner Bank an die Commerzbank. Damit bekommt die Deutsche Bank, der Primus, erstmals seit Mitte der 1990er Jahre auf dem Heimatmarkt wieder einen Konkurrenten, der ihm das Wasser reichen kann. Das ist die eine gute Nachricht der Fusion. Die andere: Der Finanzplatz Frankfurt, der nach dem Platzen der Technologieblase zu Anfang des Jahrtausends international ins Abseits zu rutschen drohte, wird gestärkt. Denn als Tochter des Münchener Versicherungsriesen Allianz spielte die Dresdner Bank finanzmarktpolitisch keine Rolle mehr. Die Entscheidungen fielen zudem an der Isar und nicht mehr am Main.
Sicher ist Größe kein Selbstzweck, sind Fusionen alles andere als zum Erfolg verdammt, und rückblickend betrachtet ist der Verkauf der Dresdner Bank ein einziges Trauerspiel. Rund 15 Milliarden Euro hat das Debakel Dresdner Bank die Allianz zwischen 2001 und heute gekostet. Die eher in Generationen denkenden Versicherungsmanager in München konnten oder wollten das auf Quartale starrende Investmentbanking der Dresdner Bank weder in eine Strategie einbinden, geschweige denn kontrollieren. Doch das ist Schnee von gestern. Pikant, aber kaum verwunderlich: Es schaut nicht so aus, als ob im Vorstand der Allianz irgendjemand die Verantwortung für das Desaster übernimmt und geht.
Die Rolle des Übernahmeopfers ist wenig spannend. Denn wie die Wirtschaftsgeschichte lehrt, muss eine Bank mit dem Rücken an der Wand stehen, bevor man sie kapern kann. Interessant ist dagegen der Wandel der Commerzbank, die in den vergangenen sieben Jahren vieles richtig gemacht hat. Sie hat sich von der zum Überleben viel zu kleinen deutschen Bank zur echten Großbank gemausert, die nun auch in Europa wieder ein Wörtchen mitreden darf. Ihr Erfolgsrezept: Bodenständigkeit, Realitätssinn und eine Portion Chuzpe. Zum einen zahlt sich der Rückzug aus dem spekulativen und hoch riskanten Investmentbanking sowie die Wiederentdeckung des Kunden aus. Zum anderen war die freche Übernahme des Immobilienfinanzierers Eurohypo Ende 2005 ein kluger Schachzug. Über Nacht legte die gelbe Bank ihr Image des permanenten Verlierers ab und gilt seither als Bank, die es kann.
Unter zwei Voraussetzungen kann der neue Bankriese Deutschland eigentlich nur gut tun. Voraussetzung eins: Die Politik durchdringt intellektuell endlich den Charme des wettbewerbsintensiven deutschen Bankenmarktes mit seinen Säulen Privatbanken, Genossenschaftsbanken und den öffentlich-rechtlichen Sparkassen - und erhält sie. Diese breite Aufstellung in der Eigentümerschaft ist einer der wesentlichen Vorteile des Standorts. In kaum einem Industrieland ist der Wettbewerb so stark, sind die Margen der Institute so klein. In kaum einem EU-Land ist das Giro-Konto für jedermann eine solche Selbstverständlichkeit wie hierzulande, nirgendwo sonst gibt es einen so über die Fläche verteilten Mittelstand. Das ist weniger das Verdienst der Großbanken, sondern der Sparkassen und Genossenschaftsbanken. Solange die Politik die Sparkassen schützt, wird die neue Großbank die Intensität des Wettbewerbs kaum schwächen.
Voraussetzung zwei: Der neue Riese übernimmt die Verantwortung, die nationale Bank-Champions in allen anderen Ländern auch wahrnehmen. Dann schlösse sich nämlich ein Vakuum, das die deutsche Finanzindustrie seit Jahren international schwächt. Denn die Deutsche Bank, die diese Rolle über Jahrzehnte wie selbstverständlich gespielt hatte, interessiert sich inzwischen nur noch bedingt für ihren Heimatmarkt. Bei Regulierungsvorschlägen etwa votiert sie meist im Sinne der großen US-Investmentbanken und vertritt damit eher Positionen der Wall Street als Kontinentaleuropas. Und wenn es mal brennt und die größte Bank in der Pflicht stünde, dem Finanzplatz und seinen Interessen zuliebe den Feuerwehrmann zu spielen, gefiel sich die Deutsche Bank gern in der Rolle des Brandstifters - sei es bei der Krise der offenen Immobilienfonds, den Pfandbriefen der schlingernden Gewerkschaftsbank AHBR oder der kollabierenden IKB.
Ob die Commerzbank in diese Rolle schlüpfen wird? Man sollte die neue Großbank daran messen. Zumal ihrem Chef Martin Blessing solche übergeordneten Gedanken nicht ganz fremd sein dürften. Stammt er doch aus einer traditionsreichen Bankiersfamilie.
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