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Leitartikel: Kopflose Kontrolleure

Nacktscanner sind nicht das größte Übel in der Sicherheitsdebatte. Es ist die reflexhafte Hysterie, die alle Überlegungen über eine angemessene Reaktion auf Bedrohungen überrollt. Von Steven Geyer

Steven Geyer ist Mitglied der Dumont-Redaktionsgemeinschaft.
Steven Geyer ist Mitglied der Dumont-Redaktionsgemeinschaft.
Foto: FR

Wer vor Weihnachten in den Skiurlaub ging, für den galt als Regierungsmeinung noch, was der damalige CDU-Innenminister Wolfgang Schäuble Ende 2008 gesagt hatte: Nacktscanner sind ein "Unfug", den "wir nicht mitmachen". Einen vereitelten Anschlag in Detroit und wenige Tage Debatte später wurde der Urlaubsheimkehrer mit der neuen Meinung des heutigen CDU-Innenministers Thomas de Maizière begrüßt: Die neuen Scanner seien "kein Problem". Die FDP, einst als Bürgerrechtskämpfer in die Koalition gezogen, fiel kurz darauf um. Zwar folgte der Protest der Gegner prompt, das Ziel, die Scanner zu erlauben, scheint aber bereits vereinbart.

Mit etwas Abstand von all der Aufgeregtheit muss man zugeben: So schlimm wäre das gar nicht. Die Kontrolleure untersuchen uns ja nicht aus voyeuristischem Interesse, sondern wie ein Arzt - weil es nun mal nötig und ihr Job ist. Zudem führte der Aufschrei angesichts der Nacktscanner-Bilder der "ersten Generation" dazu, dass die Geräte den Gescannten heute nur noch als Silhouette zeigen. Optimistisch betrachtet, könnte die jetzige Debatte bewirken, dass die Scanner bald auch Plastiksprengstoff von Prothesen unterscheiden. Denn die Bedenken Behinderter, etwa wegen eines Implantats terrorverdächtig zu sein, müssen auf jeden Fall ausgeräumt sein, bevor die Scanner aufgestellt werden.

Statt sich aber Zeit zu nehmen für Prüfung und Perfektionierung, statt Kosten und Nutzen abzuwägen, über Einschnitte in die Privatsphäre und Erhöhung der Sicherheit zu reden, rast die Politik stets stur auf neue Gesetze zu, versuchen Behörden mit verschärften Regelungen Einzelfall für Einzelfall zu verhindern. Weil in Miami der Schuhbomber zündelte, müssen wir die Stiefel abstreifen. Seit in London Attacken mit Flüssigsprengstoff vereitelt wurden, ist Handlotion in 125-ml-Flaschen tabu. Nun schmuggelte ein Terrorist ein Päckchen Sprengstoff in der Hose an Bord - und wir sollen uns die Jeans durchleuchten lassen.

Man könnte das alles als Symbolpolitik abtun, als Aktionismus, der die Bürger beruhigen soll. Doch in der Regel bleiben die Verschärfungen bestehen, ohne dass ihr Sinn je wieder hinterfragt wird. Wenn die EU erst den Einsatz der Körperscanner erlaubt hat, wer wird sich dann noch daran erinnern, dass Experten sagten, der Attentäter von Detroit wäre so einem Gerät nie aufgefallen? Wer wird noch wissen, dass der Täter offenbar ohne Passkontrolle einstieg, das Problem also eher ein Versagen der (überforderten? unterbezahlten?) Kontrolleure war? Und was werden sich Terroristen an Neuem einfallen lassen?

Ein Wettrüsten mit Selbstmordattentätern können wir nur verlieren. Wer bereit ist, sich selbst zu opfern, wird einen Weg finden. Eine freie Gesellschaft muss mit dem Gedanken leben können, verletzbar zu sein. Diese traurige, aber simple Einsicht vergessen auch all die Gegner der Nacktscanner, die betonen, auch von Duty-Free-Shops, Imbissmessern oder Decken im Schoß gehe Gefahr aus.

Das kann umgekehrt nicht heißen, untätig zu sein. Vielmehr müssen wir die Bedrohung realistisch einschätzen lernen, Gegenmittel finden - und dann mit kühlem Kopf abwägen. Immerhin wurden nach den gescheiterten Kofferbomben-Anschlägen von Köln 2006 auch keine Sicherheitschecks für Regionalbahnen eingeführt. Unsere Gesellschaft muss sich immer wieder neu einigen - auf ein Maß an Risikobereitschaft, aber auch auf einen Sicherheitsbedarf, dem wir gerecht werden müssen. In der Hysterie um Sky Marshalls und Nacktscanner geht die Abwägung unter: Welche Freiheit geben wir für wie viel Sicherheit auf? Es wäre schön, wenn über alle Anti-Terror-Maßnahmen so beherzt gestritten worden wäre wie über Nacktscanner: über die Weitergabe unserer Bankdaten beispielsweise, über das offiziell angekündigte Racial Profiling, über Persönlichkeitsprofile, die Sicherheitsbehörden anlegen, um Verdächtige schon im Vorfeld am Fliegen zu hindern. All das verletzt mehr Bürgerrechte als ein Scanner, der nach Sprengstoff sucht, ohne Daten zu speichern oder Gesundheitsschäden anzurichten.

Abwegig ist, statt technischer Aufrüstung bessere Ermittlungen im Vorfeld zu fordern. Wenn eines Tages tatsächlich ein Scanner gebaut ist, der den hohen ethischen Ansprüchen einer freien Gesellschaft gerecht wird, minimiert er nicht nur lästiges Ausziehen und Abtasten, sondern auch menschliches Versagen. Ganz ausschließen aber werden wir das nie können.

Autor:  Steven Geyer
Datum:  6 | 1 | 2010
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