Als es im Winter in Großbritannien stark schneite, brach das öffentliche Leben weitgehend zusammen. Es gab keinen Strom, die Londoner U-Bahn fuhr nicht. Die Schule fiel aus! In der Zeitung aber kamen Bürger zu Wort, die von der Solidarität unter Nachbarn und Fremden schwärmten. Es sei, sagten sie, wie damals im "Blitz" gewesen. Mit "Blitz" ist das Bombardement der Deutschen im Zweiten Weltkrieg gemeint. Ja, es gibt Briten, die sich gerne daran erinnern und glauben, es seien zwar schlimme Zeiten gewesen. Aber man habe auch zusammengehalten und sich auf seine Werte besonnen. Und zwar nicht auf börsennotierte.
Die Hoffnung, dass eine Krise der Rückkehr immaterieller Werte dient, ist wahrscheinlich so alt wie die erste Krise. Vermutlich überlegten Adam und Eva kurz nach der damaligen Pleite mit dem Paradies bereits, ob es ihnen nun leichter fallen werde, sich statt auf die Gier nach Frischobst wieder auf Anstand, Ehrlichkeit und Respekt gegenüber den Wünschen anderer zu besinnen. Auch nach der gegenwärtigen Pleite mit der Wirtschaft ist das wieder zu hören. Was sollen wir auch anderes tun, als aus der Not eine Tugend zu machen?
Wenigstens: Eingestehen, dass das ein schlechter Augenblick ist, nachdem viele gute Augenblicke versäumt wurden. Denn einerseits ist es löblich, wenn wir aus der Krise zum Beispiel lernen, dass Geld ohne Arbeit und ausschließlich dank eines guten "Bankberaters" auf Dauer schwerlich zu haben ist. Es ist geradezu köstlich, wenn die Kanzlerin mit Kulleraugen zu Protokoll gibt, sie habe bisher immer gedacht, einen Bonus gebe es für gute, nicht für schlechte Leistungen. Ja? Hat sie angesichts der Entwicklungen in den vergangenen Jahren Grund dafür gesehen, das zu glauben? Andererseits ist es löblich zu lernen, dass Geld ohne Arbeit schwerlich zu haben ist. Aber es ist dumm, wenn man dann keine Arbeit hat, und aller Voraussicht nach auch nicht so bald welche bekommen wird.
Es hätte bessere Gelegenheiten gegeben, Menschen gute Arbeitsverträge zu geben, so dass sie jetzt vom Global Player nicht so ohne weiteres entlassen werden und leider ihre private Vorsorge nicht mehr finanzieren können (sofern sie nicht von der Finanzkrise ohnehin schon geschluckt worden ist, siehe "Bankberater"). Oder mehr Lehrer einzustellen und die Schulklassen zu verkleinern, so dass Kinder gut ausgebildet in die komplizierte Welt geschickt werden. Oder vorzuleben, dass der, dem es an nichts mangelt, dem helfen soll, dem alles fehlt. Oder dass es gut ist, ein Buch zu lesen oder eine Qualitätszeitung zu abonnieren. Jetzt ist leider gerade kein Geld dafür da.
Besonders schlecht lernt es sich zum Beispiel, wenn man sich kein Buch und keine Zeitung kaufen kann, und in der Schule gefledderte Bücher von '85 kursieren. Und die Stadtteilbibliothek geschlossen wurde. Und man die Beratung für die richtige Brille beim Augenarzt bar bezahlen muss. Und die Krankenkasse die Gläser nicht mehr finanziert. Die Vorstellung von Chancengleichheit, die im weitesten Sinne so viele Schüler wie möglich erfasst, entstand nicht aus einer Krise, sondern aus dem relativen Wohlstand der 1960er und 1970er Jahre heraus. Die Vorstellung von Werten, die im weitesten Sinne als moralisch durchgehen, lernt man am besten früh kennen, weil die Eltern oder die Lehrer zeigen, wie das geht. Weil sie ein Buch lesen, sich mit ihren Kindern unterhalten. Das finden Sie simpel? Nein, simpel ist es, von jungen, alten, armen Leuten zu erwarten, woran man selbst gar nicht denkt.
Eigenverantwortliche Menschen brauchen dafür allerdings alles andere als eine Wirtschaftskrise. Tragisch zudem, dass Eigenverantwortung zuletzt vor allem meinte, schleunigst sein Geld geschickt anzulegen. Oder bloß nichts gegen ein Fördern-und-Fordern-Modell einzuwenden.
Über die Nachrichtenagentur dpa erreicht uns diese Überschrift: "14-Jährigem geht es nach Schussanlagen-Attacke besser". Erstaunlich. Aber nein, o trügerische Grammatik, es geht ihm selbstverständlich nicht deshalb besser, weil eine Schussanlage ihn attackierte. Vielmehr ging es ihm nach der Schussanlagen-Attacke schlecht und inzwischen trotzdem wieder besser. Nicht wegen, sondern trotz der Krise werden wir uns hoffentlich wieder einmal an andere als Dax-Werte erinnern.
Nach zwei, drei Tagen Unterrichtsausfall wurden unterdessen die britischen Bürger ärgerlich und wetterten gegen die Behörden, die das nicht in den Griff bekamen.
Seit Februar 2010 laufen Bauarbeiten am Stuttgarter Bahnhof. Diskussion, Hintergründe, Fotostrecken und mehr im FR-Spezial.
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